DAS ALTE ROM - Agrippina - Mutter, Monster, Mörderin?
Alles Geschichte - Der History-Podcast
Sie ist die Frau mit dem vielleicht schlechtesten Leumund in der gesamten römischen Geschichte: Agrippina, Schwester, Ehefrau und Mutter berüchtigter römischer Kaiser wie Caligula und Nero. Weil sie zielgerichtet selbst nach Macht strebte, wurde sie von den Zeitgenossen als Monster dargestellt. Von Imogen Rhia Herrad (BR 2019)
Credits Autorin: Imogen Rhia Herrad Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Merki, Johannes Hitzelberger Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Werner Eck Besonderer Linktipp der Redaktion:
BR (2025): Ein Zimmer für uns allein
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Linktipps
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Sie gilt als Staatsfeindin: Die römische Adelige Agrippina, Mutter des späteren Kaisers Caligula, wird auf die Insel Ventotene verbannt. Dort stirbt sie am 18.10.33. Nach dem Tod ihres Mannes, dem Feldherrn Germanicus, wird Agrippina die Ältere beschuldigt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein. Sie wird auf die Insel Pandateria verbannt, die heute Ventotene heißt. Dort verhungert Agrippina. Bis heute ist ungeklärt, ob sie die Nahrung verweigert hat oder ob sie ihr verwehrt worden ist. JETZT ANHÖREN
BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Giftmöderin“ Agrippina und der berühmteste Muttermord der Antike
Im Römischen Reich herrscht 59 n. Chr. ein Mann, der bis heute als Sinnbild römischer Gewalt und Dekadenz gilt: Kaiser Nero. Auf den Thron hat ihn seine Mutter Agrippina verholfen, die weithin als Giftmörderin bekannt ist. Von der harmonischen Mutter-Sohn-Beziehung ist in diesem Jahr allerdings nicht mehr viel zu sehen. Nero plant das, was in der Antike als schändlichste Tat überhaupt gilt, den Muttermord. Zusammen mit unserem Gast Prof. Dr. Martin Zimmermann beleuchten wir die dunkle Seite der Antike. JETZT ANHÖREN
WDR (2018): Nero, römischer Kaiser (Todestag 09.06.0068)
Er war Künstler. Lieber noch als er Kaiser war. Und in beiden Jobs begabt. Begabter jedenfalls, als er uns im kollektiven Gedächtnis geblieben ist seit Peter Ustinovs schauerlich-brillanter Verkörperung im Film "Quo Vadis": Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Herrscher über ein Weltreich. Das Volk verehrt ihn als Showtalent mit politischer Fortune, bis er im sechsten Amtsjahr versagt. JETZT ANHÖREN
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ERZÄHLERIN Es ist das Jahr 15 nach Christus. In Rom hat vor einem Jahr Kaiser Tiberius die Nachfolge seines Adoptivvaters Augustus angetreten. Im fernen Germanien stehen acht Legionen, die Roms Westgrenze entlang des Rheins bewachen. Ihr Oberkommandierender ist der Adoptivsohn des Kaisers, Germanicus Caesar.
ERZÄHLER Ungewöhnlich für einen römischen Feldherrn ist, dass Germanicus seine Familie mit nach Germanien gebracht hat – den kleinen Sohn und seine schwangere Ehefrau. Im sechsten November bringt sie eine Tochter zur Welt, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina bekommt. Bereits ein Jahr später kehrt die Familie nach Rom zurück: ins Zentrum der Macht.
ERZÄHLERIN Werner Eck, Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Köln, hat sich ausführlich mit Agrippina beschäftigt. Ohne ihren familiären Hintergrund, sagt er, ist Agrippina nicht zu verstehen. In ihr liefen nämlich die beiden maßgeblichen Familien der frühen Kaiserzeit zusammen.
ZUSPIELUNG 1 (Werner Eck) Und daraus resultierte dann ihre Stellung. Dann kam natürlich hinzu, dass sie im Jahr Fünfzehn nach Christus geboren wurde hier in Köln, als ihr Vater Oberkommandierender des römischen Heeres am Rhein war. Der Ruhm von Germanicus ist immer noch vorhanden gewesen, und darauf hat sie sich ja auch in der Zukunft immer wieder bezogen.
MUSIK
ERZÄHLERIN Als Agrippina fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Germanicus war ein römischer Superstar. Bei den Soldaten und beim Volk war er beliebt wie sonst niemand. Nun trauert ganz Rom mit der Witwe und ihren Kindern. Der römische Autor Sueton berichtet:
ZITATOR Durch kein Trostzusprechen, durch keine Edikte konnte der Trauer des Volkes Einhalt geboten werden. Man schleuderte Steine gegen die Tempel und stürzte Altäre um.
ERZÄHLERIN Agrippinas Mutter ist überzeugt, dass Kaiser Tiberius seinen designierten Nachfolger vergiftet hat. Der strahlende Kriegsheld Germanicus war wesentlich populärer als der alte, übellaunige und misstrauische Kaiser. Agrippinas Mutter glaubt, dass Tiberius einen Umsturzversuch des Germanicus befürchtet und den vermeintlichen Rivalen deswegen vorsichtshalber aus dem Weg geräumt hat. Jetzt spinnt sie selber Intrigen; vielleicht plant sie nun sogar, den Kaiser zu stürzen. Jedenfalls verbannt Tiberius sie aus Rom auf eine einsame Insel und lässt sie schließlich umbringen.
ERZÄHLER Als Agrippina etwa vierzehn ist, wird sie verheiratet. Im siebten Jahr ihrer Ehe bringt sie ihr einziges Kind zur Welt. Im gleichen Jahr stirbt Tiberius, ohne einen Erben zu hinterlassen. Sein Nachfolger wird sein nächster Angehöriger – ausgerechnet ein Sohn des Germanicus: Agrippinas älterer Bruder Caligula.
ERZÄHLERIN Die Geschwister haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Verbannung und der Tod ihrer Mutter, das Hofleben voller Argwohn und Intrigen und die lange Trennung haben in allen tiefe Spuren hinterlassen. Der plötzliche Umschwung muss ihnen wie eine Erlösung vorkommen.
ERZÄHLER Caligula ist mit fünfundzwanzig der älteste des Quartetts. Agrippina ist zweiundzwanzig, Drusilla einundzwanzig und Livilla zwanzig Jahre alt. Eine Zeitlang werden die drei jungen Frauen fast so etwas wie Mitkaiserinnen, wie der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio verwundert erzählt.
ZITATOR Gegen seine Schwestern erwies er sich anfangs außerordentlich zärtlich und ehrerbietig. Er erteilte ihnen die Erlaubnis, bei den Schauspielen den Ehrensitz mit ihm zu teilen. Auch ließ er sie in die Gelübde, welche Staatsbeamten und Oberpriester alljährlich für ihn und den Staat taten, mit einschließen, und die Huldigung, die man ihm leistete, ließ er zugleich auch ihnen leisten.
ERZÄHLERIN Wenn also die Konsuln im Senat einen Eid auf den römischen Staat schwören, dann schwören sie nun nicht nur auf Staat und Kaiser, sondern auf Staat, Kaiser und die drei kaiserlichen Schwestern. Das Bild der jungen Frauen wird auf offizielle Münzen geprägt. Caligula präsentiert sich im Quartett. So etwas hat es noch nicht gegeben.
MUSIK
ERZÄHLER Und dann geht es alles jäh in Scherben. Etwa zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung stirbt Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Der junge Kaiser kann den Verlust nicht verwinden. Plötzlich sieht auch er, so wie einst sein Vorgänger Tiberius, an jeder Ecke Feinde und Verschwörer. Er beschuldigt seine beiden überlebenden Schwestern, gemeinsam mit einem Senator ein Komplott gegen ihn gesponnen zu haben. Der Senator wird hingerichtet, Agrippina und Livilla in die Verbannung geschickt.
ERZÄHLERIN Basieren die Vorwürfe auf Fakten? Auf Gerüchten? Hat es die Verschwörung überhaupt gegeben? Gibt es vielleicht nicht einmal Gerüchte, sondern nur einen jähen Stimmungsumschwung des labilen Caligula, der in seinem jungen Leben schon zu viel Verlust und Verrat erlebt hat?
ERZÄHLER Oder haben die Schwestern, die ehrgeizig, klug und in der politischen Welt Roms gut vernetzt sind, tatsächlich gegen ihren Bruder intrigiert? Auszuschließen ist es nicht. In späteren Jahren wird Livilla erneut als Verschwörerin ins Exil geschickt, wo sie schließlich stirbt. Hat vielleicht Agrippina damals schon geplant, ihren eigenen kleinen Sohn als Anwärter auf den Caesarenthron in Position zu bringen?
MUSIK
ERZÄHLERIN Sie wird auf der Mittelmeerinsel Pontia festgehalten. Es ist dieselbe Insel, auf der ein Jahrzehnt zuvor ihre Mutter den Tod gefunden hat. Über ein Jahr verbringt Agrippina dort. Sie muss sich gefragt haben, ob sie das Eiland je wieder verlassen wird.
ERZÄHLER Und wieder wendet sich das Glück. Caligula fällt tatsächlich einer Verschwörung zum Opfer. Sein Nachfolger wird sein – und natürlich auch Agrippinas – ältlicher Onkel Claudius, der letzte lebende männliche Vertreter der Dynastie. Er hebt die Verbannung auf und gibt Agrippina ihr eingezogenes Vermögen zurück. Einige Zeit später stirbt Agrippinas erster Ehemann.
ZUSPIELUNG 2 (Werner Eck) Und zwar in dem Augenblick war er tot, als Claudius, der damalige Kaiser, als er seine Ehefrau Messalina hat hinrichten lassen – man könnte auch sagen, ermorden lassen.
ERZÄHLERIN Messalina war in ein etwas undurchsichtiges Komplott verstrickt. Davon gibt es viele am kaiserlichen Hof. Wahrscheinlich wollte sie Claudius absetzen und stattdessen ihren jugendlichen Liebhaber zum Kaiser machen. Claudius hat das erfahren und seine Gattin umgehend beseitigen lassen.
ZUSPIELUNG 3 (Werner Eck) Und damit war Claudius frei als Ehemann. Und da hat nun Agrippina alles drangesetzt, um ihn zu heiraten. Da war sie sozusagen in der Top-Position.
ERZÄHLER Nicht alle Römer sehen das mit Freude. Römische Frauen haben in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen. Aber Agrippina hat keine Lust, im Hintergrund zu bleiben. Sie lässt sich gemeinsam mit Claudius sehen. Sie macht ihren Einfluss geltend. Die konservativen Senatoren sind empört. Noch über ein Jahrhundert später wird diese Empörung in der Darstellung des Geschichtsschreibers Cassius Dio deutlich – auch er ist schließlich ein Senator.
ZITATOR Sobald Agrippina Kaiserin war, wusste sie alles gleich so einzurichten, dass sie sich Claudius ganz zu eigen machte. Niemand wagte, bei ihr Anstoß zu erregen, da sie mehr Macht als selbst Claudius besaß und öffentliche Audienzen veranstaltete, was in den Staatsprotokollen angezeigt wurde.
ERZÄHLERIN Das alles wirkt so, als habe Rom nun nicht einen Herrscher, sondern zwei: Kaiser und Kaiserin. Vor dieser Annahme allerdings muss man sich hüten, warnt Werner Eck.
ZUSPIELUNG 4 (Werner Eck) Sie war nicht Kaiserin, obwohl sie meistens ja so betitelt wird. Die Stellung einer Kaiserin, die gab es in dem Sinn nicht, dass damit ja absolut Null, irgendwelche Recht verbunden waren. Sie konnte Einfluss ausüben, und das hat sie weidlich getan, aber sie hatte dazu keinerlei primäres Recht. Wenn sie Einfluss ausüben wollte, dann ging das eben über den Ehemann. Oder über andere Personen, die dann entsprechend handelten, weil sie eben in der Top-Position war.
MUSIK
ERZÄHLER In der römischen Gesellschaft wird sehr viel Geschäftliches und Politisches über Beziehungen abgewickelt. Agrippina gehört dem vornehmsten Adel an. Ihr Urgroßvater war der erste Kaiser Augustus, ihr Vater der noch immer berühmte Held Germanicus. Sie ist reich, gut vernetzt, und sie ist ehrgeizig. Sie will ganz oben sein. Sie will der Welt ihren Stempel aufdrücken. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Andreas Schäfer und ist im Magnus-Verlag erschienen:
ZITATOR Um auch verbündeten Völkerschaften ihre Macht zu zeigen, setzte Agrippina es durch, dass in der Stadt der Ubier, in welcher sie geboren war, eine Kolonie gegründet wurde, die nach ihr den Namen erhielt.
ERZÄHLERIN Die Ubier sind ein germanischer Stamm. Wahrscheinlich will aber Agrippina nicht so sehr den Germanen einen Machtbeweis liefern, sondern vielmehr ihren Standesgenossen in Rom. Sie verwandelt die germanische Siedlung in eine römische Kolonie: nun steht mitten in Germanien ein Stück Rom, und aus Germanen sind, weil Agrippina es so will, Römer geworden. Und nicht nur das, erklärt Werner Eck.
ZUSPIELUNG 5 (Werner Eck) Sie ist die einzige auf ganz endlos lange Zeit, die dann es vermocht hat, dass eine römische Kolonie dann auch ihren Namen getragen hat. Denn Köln hieß ja damals Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Das ist der sozusagen entscheidende Punkt: die Bewohner dieser Stadt nennen sich nun nach Agrippina.
ERZÄHLER Agrippina hat sich verewigt. Damit hat sie sogar ihren berühmten Vater, den Eroberer und Feldherrn überflügelt. Er trug den Ehrennamen Germanicus, weil er die Germanen im Krieg besiegt hat. Jetzt tragen Germanen Agrippinas Namen. Sie hat die Landkarte verändert.
ERZÄHLERIN Das ist erst der Anfang. Agrippinas Ehrgeiz erstreckt sich auch auf ihren Sohn, der inzwischen dreizehn Jahre alt ist: ein Teenager. Nero. Nach seiner Geburt, so berichtet Tacitus, hat Agrippina Wahrsager über sein Schicksal befragt.
ZITATOR Sie gaben ihr zur Antwort, er werde dereinst herrschen und seine Mutter töten. Darauf sprach sie: Mag er mich auch töten, wenn er nur herrscht!
ERZÄHLER Diese Anekdote ist sicherlich eine spätere Erfindung. Aber ein bisschen fängt sie doch Agrippinas große und zielstrebige Ambition ein: Sie will Macht für sich und ihren Sohn, egal um welchen Preis. Diese Ambition ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, erklärt der Historiker Werner Eck.
ZUSPIELUNG 6 (Werner Eck) Aus ihrer Abstammung her hat sie nun ein exzeptionelles Anspruchsdenken gehabt. Dass sie, weil sie eben auf Augustus zurückgeht, dass sie ein originäres Recht habe, am politischen Prozess teilzunehmen.
ERZÄHLERIN Augustus ist nach seinem Tod unter die Götter versetzt worden. Man hat ihm mitten auf dem Forum in Rom einen Tempel errichtet. Er hat eigene Priester, die für seinen Kult zuständig sind. Von diesem Gott stammt Agrippina ab. Jedes Mal, wenn sie in ihrer Sänfte über das Forum getragen wird und den Tempel sieht, wird sie daran erinnert. Sie ist felsenfest überzeugt, dass ihr und ihrem Sohn die höchste Macht im Staate zusteht.
ERZÄHLER Auch der junge Nero ist ja ein Nachfahre des vergöttlichten Augustus. Claudius stammt dagegen aus einer nicht ganz so vornehmen Linie der Dynastie. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Agrippina bald nach ihrer Hochzeit beginnt, Nero als Anwärter auf den Thron ins Gespräch zu bringen.
ERZÄHLERIN Claudius hat einen eigenen Sohn, der drei Jahre jünger als Nero ist. Dennoch überzeugt Agrippina den Kaiser, Nero zu adoptieren. Damit steht ihr Sohn nun an erster Stelle in der Thronfolge.
ERZÄHLER Die antiken Geschichtsschreiber sind sich einig: Agrippina hat den ältlichen Claudius ausgetrickst. Und der kommt ihr allmählich auf die Spur. Sueton erzählt:
ZITATOR Gegen das Ende seines Lebens hatte er bereits manche nicht undeutlichen Zeichen gegeben, dass er sowohl über seine Verheiratung mit Agrippina als auch über die Adoption des Nero Reue empfand. In der Tat verfasste er nicht lange darauf ein Testament, indes kam ihm, ehe er weitergehen konnte, Agrippina zuvor...
ERZÄHLERIN Nach fünfzehn Ehejahren, so stellen es die antiken Autoren dar, sieht Claudius endlich klar. Er will das Kuckucksei Nero aus dem Nest schubsen und seinen eigenen Sohn wieder zum Thronfolger machen. Daraufhin schreitet Agrippina zur Tat. Am 13. Oktober des Jahres 54 erkrankt Claudius nach einem Gelage. Er leidet üble Magenschmerzen und stirbt schließlich in den frühen Morgenstunden.
ZITATOR Dass er durch Gift ermordet wurde, steht allgemein fest, nur wo und von wem – darüber weichen die Angaben ab.
ERZÄHLER So wie hier Sueton sind sich auch die anderen Geschichtsschreiber durchaus nicht sicher, wann und wo und wie Claudius das Gift gereicht wurde. Offensichtlich kursieren in Rom zahlreiche einander widersprechende Gerüchte. Niemand weiß etwas. Trotzdem – vielleicht auch gerade deshalb – sind alle überzeugt: hinter Claudius‘ Tod steckt Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht sichern will.
ERZÄHLERIN Stimmt das? Oder ist doch der magenleidende, weit über sechzig-Jährige Claudius, der immer gerne reichlich isst und trinkt, doch eines natürlichen Todes gestorben? Auch heute noch sind sich Historiker nicht einig, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gegen einen Giftmord spricht.
ERZÄHLER Nun ist der Kaiser tot, und Rom hat einen neuen Kaiser. Sueton erzählt:
ZITATOR Nero war siebzehn Jahre alt, als er aus dem Palast trat und auf der Freitreppe des Palastes als Imperator begrüßt wurde. Seiner Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung der Prätorianergarde als Parole: „Die beste Mutter“.
ERZÄHLER Die folgenden fünf Jahre gelten den antiken Zeitgenossen als „Goldenes Jahrfünft“, als gute und wohltuende Zeit. Sie sind vermutlich auch die glücklichsten im Leben Agrippinas. Bis der jugendliche Nero alt genug ist, selber das Ruder zu übernehmen, leitet sie gemeinsam mit dem Philosophen Seneca – Neros Erzieher – und dem Kommandanten der Prätorianergarde die Regierung.
MUSIK
ERZÄHLERIN Agrippina hat ihr Ziel erreicht: Sie ist an der Macht. So groß ist ihr Einfluss, dass er sogar ganz offiziell sichtbar wird. Der Historiker Werner Eck:
ZUSPIELUNG 7 (Werner Eck) Es gibt Goldmünzen, die offensichtlich unmittelbar nach dem Tod von Claudius und der Übernahme der Herrschaft durch Nero geprägt wurden. Und auf diesen Münzen erscheint nicht nur das Portrait von Agrippina. Das Entscheidende war, dass dort auf diesen Münzen der Name Agrippinas im Nominativ erschien. Das heißt, sie ist als handelnde Person damit benannt. Und der Name ihres Sohnes, der auf der Rückseite stand – ihr eigener stand auf der Vorderseite – und der Name des Sohnes erschien im Dativ. Das heißt: sie tut etwas für Nero.
MUSIK
ERZÄHLER Eine Statuengruppe zeigt Agrippina, wie sie Nero einen Kranz aufsetzt. Man könnte das so verstehen: Agrippina krönt Nero. Das ist noch nie dagewesen. Und es wird Jahrhunderte dauern, ehe im Römischen Reich wieder eine Frau so sichtbar über eine solche Machtfülle verfügt.
ERZÄHLERIN Immer weiter testet Agrippina die Grenzen des Machbaren aus. Sie nimmt an einer Versammlung des Senats teil – allerdings im Hintergrund, hinter einem Vorhang verborgen. Das mag uns nicht sonderlich gewagt erscheinen, doch der Historiker Tacitus – auch er ein Senator – ist hellauf empört, als er diese Begebenheit berichtet. Frauen haben im Senat einfach nichts zu suchen. Und dann kommt es noch schlimmer.
ZITATOR Ja sogar, als Gesandte der Armenier vor Nero kamen, war Agrippina schon im Begriff, zum Thronsitz des Kaisers emporzusteigen und zugleich mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht Seneca, während die übrigen vor Schrecken erstarrten, Nero aufgefordert hätte, der herankommenden Mutter entgegenzueilen. So wurde unter dem Schein kindlicher Ehrfurcht einem Skandal begegnet.
ERZÄHLER Erschreckend und skandalös wäre es, schreibt Tacitus, wenn die Mutter des jugendlichen Kaisers gemeinsam mit ihm eine ausländische Gesandtschaft empfinge. Damit würde die Tatsache offiziell sichtbar, dass sie seine faktische Mitregentin ist. Respekt vor der Tradition und vor der Form ist ungeheuer wichtig in Rom. Darüber hat Agrippina sich trotz ihrer großen politischen Klugheit hinweggesetzt. Das war ihr großer Fehler, sagt Werner Eck.
ZUSPIELUNG 8 (Werner Eck) Eine Frau hat an der Politik direkt nicht teilzunehmen. Und das hat Agrippina dann für eine kurze Zeit ostentativ missachtet, diese selbstverständliche Struktur römischer Politik. Und das ist dann – hat zu ihrem Ende geführt. ERZÄHLERIN Ein letztes Mal in Agrippinas wechselhaftem Leben wendet sich das Glück. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung beschließt der nun zweiundzwanzig-Jährige Nero, dass er alleine regieren will. Tacitus schreibt lapidar:
ZITATOR Zuletzt fand er sie mehr als lästig, wo man sie auch immer sich aufhalten ließ, und er beschloss, sie zu töten.
ERZÄHLER Die antiken Autoren berichten übereinstimmend von mehreren Mordkomplotten, die scheitern. Vielleicht ist das symbolisch gemeint und soll darstellen, wie mächtig, wie lebendig, wie beinahe übermenschlich Agrippina ihren Zeitgenossen erscheint. Vielleicht illustriert es auch einfach nur die Tatsache, dass Nero große Schwierigkeiten hat, willige Mörder zu finden.
ERZÄHLERIN Agrippina ist bekannt, einflussreich und beim Volk und bei den Soldaten beliebt. Die Prätorianer weigern sich, ihr ein Haar zu krümmen. Erst bei dem Kommandanten der römischen Flotte wird Nero fündig. Dieser täuscht ein Schiffsunglück vor, um Agrippina zu ertränken. Sie entkommt, schwimmt an Land und verbarrikadiert sich in ihrem Landsitz. Tacitus berichtet davon so packend, dass man glauben möchte, er habe die Details von einem Augenzeugen erfahren.
ZITATOR Im Schlafgemach war schwaches Licht und eine einzige Sklavin bei Agrippina, die banger und banger wurde. Jetzt war alles still. Plötzlich ließ sich Lärm vernehmen. Als hierauf die Sklavin das Zimmer verließ, rief sie ihr nach: „Auch du lässt mich allein!“ Die Mörder stellten sich um das Bett, und zuerst schlug der Schiffshauptmann die Kaiserin mit einem Knüttel auf den Kopf. Als dann der Centurio zum Todesstoß das Schwert zog, rief sie, ihren Leib hinhaltend: „In den Mutterleib stoße!“ und erlag unter vielen Wunden.
MUSIK
ERZÄHLER In der Darstellung des Tacitus wird Agrippina in ihrer Todesstunde zur römischen Heldin. Sie stirbt allein und tapfer, hingemeuchelt von vielen – so wie Julius Caesar. Das ist bemerkenswert, denn Tacitus hat für wenige Angehörige der kaiserlichen Dynastie ein gutes Wort übrig. Schnell spricht sich herum, wer hinter der Tat steckt. Nero wird bis zu seinem eigenen Tod knapp zehn Jahre später das Odium des Muttermörders nicht mehr abschütteln können.
ERZÄHLERIN Dennoch bleiben Agrippinas glühender Ehrgeiz, ihr Streben nach Macht und Herrschaft in römischen Augen so ungeheuerlich, dass sie über Jahrhunderte nur als Giftmörderin und Monster dargestellt wird. Erst heute, in einer Zeit, die mächtige Frauen auch als positiv oder einfach als normal betrachtet, können wir zurückblicken und Agrippina als hochbegabte Politikerin sehen, die sehr viel erreicht hat – und am Ende durch ihren Ehrgeiz und die starren Gesetze ihrer Welt gescheitert ist.
Raw Description
<p>Sie ist die Frau mit dem vielleicht schlechtesten Leumund in der gesamten römischen Geschichte: Agrippina, Schwester, Ehefrau und Mutter berüchtigter römischer Kaiser wie Caligula und Nero. Weil sie zielgerichtet selbst nach Macht strebte, wurde sie von den Zeitgenossen als Monster dargestellt. Von Imogen Rhia Herrad (BR 2019)</p><p><strong>Credits</strong><br/> Autorin: Imogen Rhia Herrad<br/> Regie: Martin Trauner <br/> Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Merki, Johannes Hitzelberger<br/> Technik: Regine Elbers<br/> Redaktion: Thomas Morawetz<br/> Im Interview: Prof. Werner Eck<br/> <br/> <strong>Besonderer Linktipp der Redaktion:<br/> </strong><br/> BR (2025): Ein Zimmer für uns allein <br/> <br/> Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert?<a href="https://1.ard.de/EinZimmerfuerunsallein"> <strong>ZUM PODCAST</strong></a><br/> <br/> <strong>Linktipps</strong><br/> <br/> WDR (2023): Agrippina die Ältere: vom Volk geliebt, vom Kaiser verbannt <br/> <br/> Sie gilt als Staatsfeindin: Die römische Adelige Agrippina, Mutter des späteren Kaisers Caligula, wird auf die Insel Ventotene verbannt. Dort stirbt sie am 18.10.33. Nach dem Tod ihres Mannes, dem Feldherrn Germanicus, wird Agrippina die Ältere beschuldigt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein. Sie wird auf die Insel Pandateria verbannt, die heute Ventotene heißt. Dort verhungert Agrippina. Bis heute ist ungeklärt, ob sie die Nahrung verweigert hat oder ob sie ihr verwehrt worden ist. <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/wdr-zeitzeichen/agrippina-die-aeltere-vom-volk-geliebt-vom-kaiser-verbannt/wdr-5/94845314/"><strong>JETZT ANHÖREN</strong></a> <br/> <br/> BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Giftmöderin“ Agrippina und der berühmteste Muttermord der Antike <br/> <br/> Im Römischen Reich herrscht 59 n. Chr. ein Mann, der bis heute als Sinnbild römischer Gewalt und Dekadenz gilt: Kaiser Nero. Auf den Thron hat ihn seine Mutter Agrippina verholfen, die weithin als Giftmörderin bekannt ist. Von der harmonischen Mutter-Sohn-Beziehung ist in diesem Jahr allerdings nicht mehr viel zu sehen. Nero plant das, was in der Antike als schändlichste Tat überhaupt gilt, den Muttermord. Zusammen mit unserem Gast Prof. Dr. Martin Zimmermann beleuchten wir die dunkle Seite der Antike. <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/die-giftmoerderin-agrippina-und-der-beruehmteste-muttermord-der-antike/bayern-2/12629567/"><strong>JETZT ANHÖREN</strong></a> <br/> <br/> WDR (2018): Nero, römischer Kaiser (Todestag 09.06.0068) <br/> <br/> Er war Künstler. Lieber noch als er Kaiser war. Und in beiden Jobs begabt. Begabter jedenfalls, als er uns im kollektiven Gedächtnis geblieben ist seit Peter Ustinovs schauerlich-brillanter Verkörperung im Film "Quo Vadis": Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Herrscher über ein Weltreich. Das Volk verehrt ihn als Showtalent mit politischer Fortune, bis er im sechsten Amtsjahr versagt. <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/wdr-zeitzeichen/nero-roemischer-kaiser-todestag-09-06-0068/wdr-5/55562276/"><strong>JETZT ANHÖREN</strong></a> <br/> <strong><br/> Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:</strong><br/> <br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/das-kalenderblatt/5949906/">DAS KALENDERBLATT </a>erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.<br/> <br/> Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/">RADIOWISSEN</a>. <br/> <br/> Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an <a>radiowissen@br.de</a>.<br/> <br/> Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/> ARD Audiothek | Alles Geschichte<br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/alles-geschichte-history-von-radiowissen/82362084/">JETZT ENTDECKEN</a><br/> <br/> <strong>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:</strong><br/><br/>MUSIK<br/><br/>ERZÄHLERIN<br/>Es ist das Jahr 15 nach Christus. In Rom hat vor einem Jahr Kaiser Tiberius die Nachfolge seines Adoptivvaters Augustus angetreten. Im fernen Germanien stehen acht Legionen, die Roms Westgrenze entlang des Rheins bewachen. Ihr Oberkommandierender ist der Adoptivsohn des Kaisers, Germanicus Caesar.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Ungewöhnlich für einen römischen Feldherrn ist, dass Germanicus seine Familie mit nach Germanien gebracht hat – den kleinen Sohn und seine schwangere Ehefrau. Im sechsten November bringt sie eine Tochter zur Welt, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina bekommt. Bereits ein Jahr später kehrt die Familie nach Rom zurück: ins Zentrum der Macht.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Werner Eck, Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Köln, hat sich ausführlich mit Agrippina beschäftigt. Ohne ihren familiären Hintergrund, sagt er, ist Agrippina nicht zu verstehen. In ihr liefen nämlich die beiden maßgeblichen Familien der frühen Kaiserzeit zusammen.</p> <p>ZUSPIELUNG 1 (Werner Eck)<br/>Und daraus resultierte dann ihre Stellung. Dann kam natürlich hinzu, dass sie im Jahr Fünfzehn nach Christus geboren wurde hier in Köln, als ihr Vater Oberkommandierender des römischen Heeres am Rhein war. Der Ruhm von Germanicus ist immer noch vorhanden gewesen, und darauf hat sie sich ja auch in der Zukunft immer wieder bezogen.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Als Agrippina fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Germanicus war ein römischer Superstar. Bei den Soldaten und beim Volk war er beliebt wie sonst niemand. Nun trauert ganz Rom mit der Witwe und ihren Kindern. Der römische Autor Sueton berichtet:</p> <p>ZITATOR <br/>Durch kein Trostzusprechen, durch keine Edikte konnte der Trauer des Volkes Einhalt geboten werden. Man schleuderte Steine gegen die Tempel und stürzte Altäre um.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Agrippinas Mutter ist überzeugt, dass Kaiser Tiberius seinen designierten Nachfolger vergiftet hat. Der strahlende Kriegsheld Germanicus war wesentlich populärer als der alte, übellaunige und misstrauische Kaiser. Agrippinas Mutter glaubt, dass Tiberius einen Umsturzversuch des Germanicus befürchtet und den vermeintlichen Rivalen deswegen vorsichtshalber aus dem Weg geräumt hat. Jetzt spinnt sie selber Intrigen; vielleicht plant sie nun sogar, den Kaiser zu stürzen. Jedenfalls verbannt Tiberius sie aus Rom auf eine einsame Insel und lässt sie schließlich umbringen.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Als Agrippina etwa vierzehn ist, wird sie verheiratet. Im siebten Jahr ihrer Ehe bringt sie ihr einziges Kind zur Welt. Im gleichen Jahr stirbt Tiberius, ohne einen Erben zu hinterlassen. Sein Nachfolger wird sein nächster Angehöriger – ausgerechnet ein Sohn des Germanicus: Agrippinas älterer Bruder Caligula.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Die Geschwister haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Verbannung und der Tod ihrer Mutter, das Hofleben voller Argwohn und Intrigen und die lange Trennung haben in allen tiefe Spuren hinterlassen. Der plötzliche Umschwung muss ihnen wie eine Erlösung vorkommen.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Caligula ist mit fünfundzwanzig der älteste des Quartetts. Agrippina ist zweiundzwanzig, Drusilla einundzwanzig und Livilla zwanzig Jahre alt. Eine Zeitlang werden die drei jungen Frauen fast so etwas wie Mitkaiserinnen, wie der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio verwundert erzählt.</p> <p>ZITATOR <br/>Gegen seine Schwestern erwies er sich anfangs außerordentlich zärtlich und ehrerbietig. Er erteilte ihnen die Erlaubnis, bei den Schauspielen den Ehrensitz mit ihm zu teilen. Auch ließ er sie in die Gelübde, welche Staatsbeamten und Oberpriester alljährlich für ihn und den Staat taten, mit einschließen, und die Huldigung, die man ihm leistete, ließ er zugleich auch ihnen leisten.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Wenn also die Konsuln im Senat einen Eid auf den römischen Staat schwören, dann schwören sie nun nicht nur auf Staat und Kaiser, sondern auf Staat, Kaiser und die drei kaiserlichen Schwestern. Das Bild der jungen Frauen wird auf offizielle Münzen geprägt. Caligula präsentiert sich im Quartett. So etwas hat es noch nicht gegeben.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>Und dann geht es alles jäh in Scherben. Etwa zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung stirbt Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Der junge Kaiser kann den Verlust nicht verwinden. Plötzlich sieht auch er, so wie einst sein Vorgänger Tiberius, an jeder Ecke Feinde und Verschwörer. Er beschuldigt seine beiden überlebenden Schwestern, gemeinsam mit einem Senator ein Komplott gegen ihn gesponnen zu haben. Der Senator wird hingerichtet, Agrippina und Livilla in die Verbannung geschickt.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Basieren die Vorwürfe auf Fakten? Auf Gerüchten? Hat es die Verschwörung überhaupt gegeben? Gibt es vielleicht nicht einmal Gerüchte, sondern nur einen jähen Stimmungsumschwung des labilen Caligula, der in seinem jungen Leben schon zu viel Verlust und Verrat erlebt hat?</p> <p>ERZÄHLER<br/>Oder haben die Schwestern, die ehrgeizig, klug und in der politischen Welt Roms gut vernetzt sind, tatsächlich gegen ihren Bruder intrigiert? Auszuschließen ist es nicht. In späteren Jahren wird Livilla erneut als Verschwörerin ins Exil geschickt, wo sie schließlich stirbt. Hat vielleicht Agrippina damals schon geplant, ihren eigenen kleinen Sohn als Anwärter auf den Caesarenthron in Position zu bringen?</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Sie wird auf der Mittelmeerinsel Pontia festgehalten. Es ist dieselbe Insel, auf der ein Jahrzehnt zuvor ihre Mutter den Tod gefunden hat. Über ein Jahr verbringt Agrippina dort. Sie muss sich gefragt haben, ob sie das Eiland je wieder verlassen wird.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Und wieder wendet sich das Glück. Caligula fällt tatsächlich einer Verschwörung zum Opfer. Sein Nachfolger wird sein – und natürlich auch Agrippinas – ältlicher Onkel Claudius, der letzte lebende männliche Vertreter der Dynastie. Er hebt die Verbannung auf und gibt Agrippina ihr eingezogenes Vermögen zurück. Einige Zeit später stirbt Agrippinas erster Ehemann.</p> <p>ZUSPIELUNG 2 (Werner Eck)<br/>Und zwar in dem Augenblick war er tot, als Claudius, der damalige Kaiser, als er seine Ehefrau Messalina hat hinrichten lassen – man könnte auch sagen, ermorden lassen.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Messalina war in ein etwas undurchsichtiges Komplott verstrickt. Davon gibt es viele am kaiserlichen Hof. Wahrscheinlich wollte sie Claudius absetzen und stattdessen ihren jugendlichen Liebhaber zum Kaiser machen. Claudius hat das erfahren und seine Gattin umgehend beseitigen lassen.</p> <p>ZUSPIELUNG 3 (Werner Eck)<br/>Und damit war Claudius frei als Ehemann. Und da hat nun Agrippina alles drangesetzt, um ihn zu heiraten. Da war sie sozusagen in der Top-Position.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Nicht alle Römer sehen das mit Freude. Römische Frauen haben in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen. Aber Agrippina hat keine Lust, im Hintergrund zu bleiben. Sie lässt sich gemeinsam mit Claudius sehen. Sie macht ihren Einfluss geltend. Die konservativen Senatoren sind empört. Noch über ein Jahrhundert später wird diese Empörung in der Darstellung des Geschichtsschreibers Cassius Dio deutlich – auch er ist schließlich ein Senator.</p> <p>ZITATOR <br/>Sobald Agrippina Kaiserin war, wusste sie alles gleich so einzurichten, dass sie sich Claudius ganz zu eigen machte. Niemand wagte, bei ihr Anstoß zu erregen, da sie mehr Macht als selbst Claudius besaß und öffentliche Audienzen veranstaltete, was in den Staatsprotokollen angezeigt wurde.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Das alles wirkt so, als habe Rom nun nicht einen Herrscher, sondern zwei: Kaiser und Kaiserin. Vor dieser Annahme allerdings muss man sich hüten, warnt Werner Eck.</p> <p>ZUSPIELUNG 4 (Werner Eck)<br/>Sie war nicht Kaiserin, obwohl sie meistens ja so betitelt wird. Die Stellung einer Kaiserin, die gab es in dem Sinn nicht, dass damit ja absolut Null, irgendwelche Recht verbunden waren. Sie konnte Einfluss ausüben, und das hat sie weidlich getan, aber sie hatte dazu keinerlei primäres Recht. Wenn sie Einfluss ausüben wollte, dann ging das eben über den Ehemann. Oder über andere Personen, die dann entsprechend handelten, weil sie eben in der Top-Position war. </p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>In der römischen Gesellschaft wird sehr viel Geschäftliches und Politisches über Beziehungen abgewickelt. Agrippina gehört dem vornehmsten Adel an. Ihr Urgroßvater war der erste Kaiser Augustus, ihr Vater der noch immer berühmte Held Germanicus. Sie ist reich, gut vernetzt, und sie ist ehrgeizig. Sie will ganz oben sein. Sie will der Welt ihren Stempel aufdrücken. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Andreas Schäfer und ist im Magnus-Verlag erschienen:</p> <p>ZITATOR <br/>Um auch verbündeten Völkerschaften ihre Macht zu zeigen, setzte Agrippina es durch, dass in der Stadt der Ubier, in welcher sie geboren war, eine Kolonie gegründet wurde, die nach ihr den Namen erhielt.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Die Ubier sind ein germanischer Stamm. Wahrscheinlich will aber Agrippina nicht so sehr den Germanen einen Machtbeweis liefern, sondern vielmehr ihren Standesgenossen in Rom. Sie verwandelt die germanische Siedlung in eine römische Kolonie: nun steht mitten in Germanien ein Stück Rom, und aus Germanen sind, weil Agrippina es so will, Römer geworden. Und nicht nur das, erklärt Werner Eck. </p> <p>ZUSPIELUNG 5 (Werner Eck)<br/>Sie ist die einzige auf ganz endlos lange Zeit, die dann es vermocht hat, dass eine römische Kolonie dann auch ihren Namen getragen hat. Denn Köln hieß ja damals Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Das ist der sozusagen entscheidende Punkt: die Bewohner dieser Stadt nennen sich nun nach Agrippina. </p> <p>ERZÄHLER<br/>Agrippina hat sich verewigt. Damit hat sie sogar ihren berühmten Vater, den Eroberer und Feldherrn überflügelt. Er trug den Ehrennamen Germanicus, weil er die Germanen im Krieg besiegt hat. Jetzt tragen Germanen Agrippinas Namen. Sie hat die Landkarte verändert.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Das ist erst der Anfang. Agrippinas Ehrgeiz erstreckt sich auch auf ihren Sohn, der inzwischen dreizehn Jahre alt ist: ein Teenager. Nero. Nach seiner Geburt, so berichtet Tacitus, hat Agrippina Wahrsager über sein Schicksal befragt.</p> <p>ZITATOR <br/>Sie gaben ihr zur Antwort, er werde dereinst herrschen und seine Mutter töten. Darauf sprach sie: Mag er mich auch töten, wenn er nur herrscht!</p> <p>ERZÄHLER<br/>Diese Anekdote ist sicherlich eine spätere Erfindung. Aber ein bisschen fängt sie doch Agrippinas große und zielstrebige Ambition ein: Sie will Macht für sich und ihren Sohn, egal um welchen Preis. Diese Ambition ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, erklärt der Historiker Werner Eck.</p> <p>ZUSPIELUNG 6 (Werner Eck)<br/>Aus ihrer Abstammung her hat sie nun ein exzeptionelles Anspruchsdenken gehabt. Dass sie, weil sie eben auf Augustus zurückgeht, dass sie ein originäres Recht habe, am politischen Prozess teilzunehmen. </p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Augustus ist nach seinem Tod unter die Götter versetzt worden. Man hat ihm mitten auf dem Forum in Rom einen Tempel errichtet. Er hat eigene Priester, die für seinen Kult zuständig sind. Von diesem Gott stammt Agrippina ab. Jedes Mal, wenn sie in ihrer Sänfte über das Forum getragen wird und den Tempel sieht, wird sie daran erinnert. Sie ist felsenfest überzeugt, dass ihr und ihrem Sohn die höchste Macht im Staate zusteht.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Auch der junge Nero ist ja ein Nachfahre des vergöttlichten Augustus. Claudius stammt dagegen aus einer nicht ganz so vornehmen Linie der Dynastie. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Agrippina bald nach ihrer Hochzeit beginnt, Nero als Anwärter auf den Thron ins Gespräch zu bringen.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Claudius hat einen eigenen Sohn, der drei Jahre jünger als Nero ist. Dennoch überzeugt Agrippina den Kaiser, Nero zu adoptieren. Damit steht ihr Sohn nun an erster Stelle in der Thronfolge.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Die antiken Geschichtsschreiber sind sich einig: Agrippina hat den ältlichen Claudius ausgetrickst. Und der kommt ihr allmählich auf die Spur. Sueton erzählt:</p> <p>ZITATOR <br/>Gegen das Ende seines Lebens hatte er bereits manche nicht undeutlichen Zeichen gegeben, dass er sowohl über seine Verheiratung mit Agrippina als auch über die Adoption des Nero Reue empfand. In der Tat verfasste er nicht lange darauf ein Testament, indes kam ihm, ehe er weitergehen konnte, Agrippina zuvor...</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Nach fünfzehn Ehejahren, so stellen es die antiken Autoren dar, sieht Claudius endlich klar. Er will das Kuckucksei Nero aus dem Nest schubsen und seinen eigenen Sohn wieder zum Thronfolger machen. Daraufhin schreitet Agrippina zur Tat. Am 13. Oktober des Jahres 54 erkrankt Claudius nach einem Gelage. Er leidet üble Magenschmerzen und stirbt schließlich in den frühen Morgenstunden.</p> <p>ZITATOR<br/>Dass er durch Gift ermordet wurde, steht allgemein fest, nur wo und von wem – darüber weichen die Angaben ab.</p> <p>ERZÄHLER<br/>So wie hier Sueton sind sich auch die anderen Geschichtsschreiber durchaus nicht sicher, wann und wo und wie Claudius das Gift gereicht wurde. Offensichtlich kursieren in Rom zahlreiche einander widersprechende Gerüchte. Niemand weiß etwas. Trotzdem – vielleicht auch gerade deshalb – sind alle überzeugt: hinter Claudius‘ Tod steckt Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht sichern will. </p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Stimmt das? Oder ist doch der magenleidende, weit über sechzig-Jährige Claudius, der immer gerne reichlich isst und trinkt, doch eines natürlichen Todes gestorben? Auch heute noch sind sich Historiker nicht einig, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gegen einen Giftmord spricht.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Nun ist der Kaiser tot, und Rom hat einen neuen Kaiser. Sueton erzählt:</p> <p>ZITATOR <br/>Nero war siebzehn Jahre alt, als er aus dem Palast trat und auf der Freitreppe des Palastes als Imperator begrüßt wurde. Seiner Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung der Prätorianergarde als Parole: „Die beste Mutter“.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Die folgenden fünf Jahre gelten den antiken Zeitgenossen als „Goldenes Jahrfünft“, als gute und wohltuende Zeit. Sie sind vermutlich auch die glücklichsten im Leben Agrippinas. Bis der jugendliche Nero alt genug ist, selber das Ruder zu übernehmen, leitet sie gemeinsam mit dem Philosophen Seneca – Neros Erzieher – und dem Kommandanten der Prätorianergarde die Regierung.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Agrippina hat ihr Ziel erreicht: Sie ist an der Macht. So groß ist ihr Einfluss, dass er sogar ganz offiziell sichtbar wird. Der Historiker Werner Eck:</p> <p>ZUSPIELUNG 7 (Werner Eck)<br/>Es gibt Goldmünzen, die offensichtlich unmittelbar nach dem Tod von Claudius und der Übernahme der Herrschaft durch Nero geprägt wurden. Und auf diesen Münzen erscheint nicht nur das Portrait von Agrippina. Das Entscheidende war, dass dort auf diesen Münzen der Name Agrippinas im Nominativ erschien. Das heißt, sie ist als handelnde Person damit benannt. Und der Name ihres Sohnes, der auf der Rückseite stand – ihr eigener stand auf der Vorderseite – und der Name des Sohnes erschien im Dativ. Das heißt: sie tut etwas für Nero.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>Eine Statuengruppe zeigt Agrippina, wie sie Nero einen Kranz aufsetzt. Man könnte das so verstehen: Agrippina krönt Nero. Das ist noch nie dagewesen. Und es wird Jahrhunderte dauern, ehe im Römischen Reich wieder eine Frau so sichtbar über eine solche Machtfülle verfügt.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Immer weiter testet Agrippina die Grenzen des Machbaren aus. Sie nimmt an einer Versammlung des Senats teil – allerdings im Hintergrund, hinter einem Vorhang verborgen. Das mag uns nicht sonderlich gewagt erscheinen, doch der Historiker Tacitus – auch er ein Senator – ist hellauf empört, als er diese Begebenheit berichtet. Frauen haben im Senat einfach nichts zu suchen. Und dann kommt es noch schlimmer.</p> <p>ZITATOR <br/>Ja sogar, als Gesandte der Armenier vor Nero kamen, war Agrippina schon im Begriff, zum Thronsitz des Kaisers emporzusteigen und zugleich mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht Seneca, während die übrigen vor Schrecken erstarrten, Nero aufgefordert hätte, der herankommenden Mutter entgegenzueilen. So wurde unter dem Schein kindlicher Ehrfurcht einem Skandal begegnet.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Erschreckend und skandalös wäre es, schreibt Tacitus, wenn die Mutter des jugendlichen Kaisers gemeinsam mit ihm eine ausländische Gesandtschaft empfinge. Damit würde die Tatsache offiziell sichtbar, dass sie seine faktische Mitregentin ist. Respekt vor der Tradition und vor der Form ist ungeheuer wichtig in Rom. Darüber hat Agrippina sich trotz ihrer großen politischen Klugheit hinweggesetzt. Das war ihr großer Fehler, sagt Werner Eck.</p> <p>ZUSPIELUNG 8 (Werner Eck)<br/>Eine Frau hat an der Politik direkt nicht teilzunehmen. Und das hat Agrippina dann für eine kurze Zeit ostentativ missachtet, diese selbstverständliche Struktur römischer Politik. Und das ist dann – hat zu ihrem Ende geführt. <br/> <br/>ERZÄHLERIN<br/>Ein letztes Mal in Agrippinas wechselhaftem Leben wendet sich das Glück. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung beschließt der nun zweiundzwanzig-Jährige Nero, dass er alleine regieren will. Tacitus schreibt lapidar:</p> <p>ZITATOR <br/>Zuletzt fand er sie mehr als lästig, wo man sie auch immer sich aufhalten ließ, und er beschloss, sie zu töten.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Die antiken Autoren berichten übereinstimmend von mehreren Mordkomplotten, die scheitern. Vielleicht ist das symbolisch gemeint und soll darstellen, wie mächtig, wie lebendig, wie beinahe übermenschlich Agrippina ihren Zeitgenossen erscheint. Vielleicht illustriert es auch einfach nur die Tatsache, dass Nero große Schwierigkeiten hat, willige Mörder zu finden.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Agrippina ist bekannt, einflussreich und beim Volk und bei den Soldaten beliebt. Die Prätorianer weigern sich, ihr ein Haar zu krümmen. Erst bei dem Kommandanten der römischen Flotte wird Nero fündig. Dieser täuscht ein Schiffsunglück vor, um Agrippina zu ertränken. Sie entkommt, schwimmt an Land und verbarrikadiert sich in ihrem Landsitz. Tacitus berichtet davon so packend, dass man glauben möchte, er habe die Details von einem Augenzeugen erfahren.</p> <p>ZITATOR <br/>Im Schlafgemach war schwaches Licht und eine einzige Sklavin bei Agrippina, die banger und banger wurde. Jetzt war alles still. Plötzlich ließ sich Lärm vernehmen. Als hierauf die Sklavin das Zimmer verließ, rief sie ihr nach: „Auch du lässt mich allein!“ Die Mörder stellten sich um das Bett, und zuerst schlug der Schiffshauptmann die Kaiserin mit einem Knüttel auf den Kopf. Als dann der Centurio zum Todesstoß das Schwert zog, rief sie, ihren Leib hinhaltend: „In den Mutterleib stoße!“ und erlag unter vielen Wunden.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>In der Darstellung des Tacitus wird Agrippina in ihrer Todesstunde zur römischen Heldin. Sie stirbt allein und tapfer, hingemeuchelt von vielen – so wie Julius Caesar. Das ist bemerkenswert, denn Tacitus hat für wenige Angehörige der kaiserlichen Dynastie ein gutes Wort übrig. Schnell spricht sich herum, wer hinter der Tat steckt. Nero wird bis zu seinem eigenen Tod knapp zehn Jahre später das Odium des Muttermörders nicht mehr abschütteln können.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Dennoch bleiben Agrippinas glühender Ehrgeiz, ihr Streben nach Macht und Herrschaft in römischen Augen so ungeheuerlich, dass sie über Jahrhunderte nur als Giftmörderin und Monster dargestellt wird. Erst heute, in einer Zeit, die mächtige Frauen auch als positiv oder einfach als normal betrachtet, können wir zurückblicken und Agrippina als hochbegabte Politikerin sehen, die sehr viel erreicht hat – und am Ende durch ihren Ehrgeiz und die starren Gesetze ihrer Welt gescheitert ist.</p>
Show Notes
Sie ist die Frau mit dem vielleicht schlechtesten Leumund in der gesamten römischen Geschichte: Agrippina, Schwester, Ehefrau und Mutter berüchtigter römischer Kaiser wie Caligula und Nero. Weil sie zielgerichtet selbst nach Macht strebte, wurde sie von den Zeitgenossen als Monster dargestellt. Von Imogen Rhia Herrad (BR 2019)
Credits Autorin: Imogen Rhia Herrad Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Merki, Johannes Hitzelberger Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Werner Eck Besonderer Linktipp der Redaktion:
BR (2025): Ein Zimmer für uns allein
Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert?ZUM PODCAST
Linktipps
WDR (2023): Agrippina die Ältere: vom Volk geliebt, vom Kaiser verbannt
Sie gilt als Staatsfeindin: Die römische Adelige Agrippina, Mutter des späteren Kaisers Caligula, wird auf die Insel Ventotene verbannt. Dort stirbt sie am 18.10.33. Nach dem Tod ihres Mannes, dem Feldherrn Germanicus, wird Agrippina die Ältere beschuldigt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein. Sie wird auf die Insel Pandateria verbannt, die heute Ventotene heißt. Dort verhungert Agrippina. Bis heute ist ungeklärt, ob sie die Nahrung verweigert hat oder ob sie ihr verwehrt worden ist. JETZT ANHÖREN
BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Giftmöderin“ Agrippina und der berühmteste Muttermord der Antike
Im Römischen Reich herrscht 59 n. Chr. ein Mann, der bis heute als Sinnbild römischer Gewalt und Dekadenz gilt: Kaiser Nero. Auf den Thron hat ihn seine Mutter Agrippina verholfen, die weithin als Giftmörderin bekannt ist. Von der harmonischen Mutter-Sohn-Beziehung ist in diesem Jahr allerdings nicht mehr viel zu sehen. Nero plant das, was in der Antike als schändlichste Tat überhaupt gilt, den Muttermord. Zusammen mit unserem Gast Prof. Dr. Martin Zimmermann beleuchten wir die dunkle Seite der Antike. JETZT ANHÖREN
WDR (2018): Nero, römischer Kaiser (Todestag 09.06.0068)
Er war Künstler. Lieber noch als er Kaiser war. Und in beiden Jobs begabt. Begabter jedenfalls, als er uns im kollektiven Gedächtnis geblieben ist seit Peter Ustinovs schauerlich-brillanter Verkörperung im Film "Quo Vadis": Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Herrscher über ein Weltreich. Das Volk verehrt ihn als Showtalent mit politischer Fortune, bis er im sechsten Amtsjahr versagt. JETZT ANHÖREN
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
ERZÄHLERIN Es ist das Jahr 15 nach Christus. In Rom hat vor einem Jahr Kaiser Tiberius die Nachfolge seines Adoptivvaters Augustus angetreten. Im fernen Germanien stehen acht Legionen, die Roms Westgrenze entlang des Rheins bewachen. Ihr Oberkommandierender ist der Adoptivsohn des Kaisers, Germanicus Caesar.
ERZÄHLER Ungewöhnlich für einen römischen Feldherrn ist, dass Germanicus seine Familie mit nach Germanien gebracht hat – den kleinen Sohn und seine schwangere Ehefrau. Im sechsten November bringt sie eine Tochter zur Welt, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina bekommt. Bereits ein Jahr später kehrt die Familie nach Rom zurück: ins Zentrum der Macht.
ERZÄHLERIN Werner Eck, Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Köln, hat sich ausführlich mit Agrippina beschäftigt. Ohne ihren familiären Hintergrund, sagt er, ist Agrippina nicht zu verstehen. In ihr liefen nämlich die beiden maßgeblichen Familien der frühen Kaiserzeit zusammen.
ZUSPIELUNG 1 (Werner Eck) Und daraus resultierte dann ihre Stellung. Dann kam natürlich hinzu, dass sie im Jahr Fünfzehn nach Christus geboren wurde hier in Köln, als ihr Vater Oberkommandierender des römischen Heeres am Rhein war. Der Ruhm von Germanicus ist immer noch vorhanden gewesen, und darauf hat sie sich ja auch in der Zukunft immer wieder bezogen.
MUSIK
ERZÄHLERIN Als Agrippina fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Germanicus war ein römischer Superstar. Bei den Soldaten und beim Volk war er beliebt wie sonst niemand. Nun trauert ganz Rom mit der Witwe und ihren Kindern. Der römische Autor Sueton berichtet:
ZITATOR Durch kein Trostzusprechen, durch keine Edikte konnte der Trauer des Volkes Einhalt geboten werden. Man schleuderte Steine gegen die Tempel und stürzte Altäre um.
ERZÄHLERIN Agrippinas Mutter ist überzeugt, dass Kaiser Tiberius seinen designierten Nachfolger vergiftet hat. Der strahlende Kriegsheld Germanicus war wesentlich populärer als der alte, übellaunige und misstrauische Kaiser. Agrippinas Mutter glaubt, dass Tiberius einen Umsturzversuch des Germanicus befürchtet und den vermeintlichen Rivalen deswegen vorsichtshalber aus dem Weg geräumt hat. Jetzt spinnt sie selber Intrigen; vielleicht plant sie nun sogar, den Kaiser zu stürzen. Jedenfalls verbannt Tiberius sie aus Rom auf eine einsame Insel und lässt sie schließlich umbringen.
ERZÄHLER Als Agrippina etwa vierzehn ist, wird sie verheiratet. Im siebten Jahr ihrer Ehe bringt sie ihr einziges Kind zur Welt. Im gleichen Jahr stirbt Tiberius, ohne einen Erben zu hinterlassen. Sein Nachfolger wird sein nächster Angehöriger – ausgerechnet ein Sohn des Germanicus: Agrippinas älterer Bruder Caligula.
ERZÄHLERIN Die Geschwister haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Verbannung und der Tod ihrer Mutter, das Hofleben voller Argwohn und Intrigen und die lange Trennung haben in allen tiefe Spuren hinterlassen. Der plötzliche Umschwung muss ihnen wie eine Erlösung vorkommen.
ERZÄHLER Caligula ist mit fünfundzwanzig der älteste des Quartetts. Agrippina ist zweiundzwanzig, Drusilla einundzwanzig und Livilla zwanzig Jahre alt. Eine Zeitlang werden die drei jungen Frauen fast so etwas wie Mitkaiserinnen, wie der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio verwundert erzählt.
ZITATOR Gegen seine Schwestern erwies er sich anfangs außerordentlich zärtlich und ehrerbietig. Er erteilte ihnen die Erlaubnis, bei den Schauspielen den Ehrensitz mit ihm zu teilen. Auch ließ er sie in die Gelübde, welche Staatsbeamten und Oberpriester alljährlich für ihn und den Staat taten, mit einschließen, und die Huldigung, die man ihm leistete, ließ er zugleich auch ihnen leisten.
ERZÄHLERIN Wenn also die Konsuln im Senat einen Eid auf den römischen Staat schwören, dann schwören sie nun nicht nur auf Staat und Kaiser, sondern auf Staat, Kaiser und die drei kaiserlichen Schwestern. Das Bild der jungen Frauen wird auf offizielle Münzen geprägt. Caligula präsentiert sich im Quartett. So etwas hat es noch nicht gegeben.
MUSIK
ERZÄHLER Und dann geht es alles jäh in Scherben. Etwa zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung stirbt Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Der junge Kaiser kann den Verlust nicht verwinden. Plötzlich sieht auch er, so wie einst sein Vorgänger Tiberius, an jeder Ecke Feinde und Verschwörer. Er beschuldigt seine beiden überlebenden Schwestern, gemeinsam mit einem Senator ein Komplott gegen ihn gesponnen zu haben. Der Senator wird hingerichtet, Agrippina und Livilla in die Verbannung geschickt.
ERZÄHLERIN Basieren die Vorwürfe auf Fakten? Auf Gerüchten? Hat es die Verschwörung überhaupt gegeben? Gibt es vielleicht nicht einmal Gerüchte, sondern nur einen jähen Stimmungsumschwung des labilen Caligula, der in seinem jungen Leben schon zu viel Verlust und Verrat erlebt hat?
ERZÄHLER Oder haben die Schwestern, die ehrgeizig, klug und in der politischen Welt Roms gut vernetzt sind, tatsächlich gegen ihren Bruder intrigiert? Auszuschließen ist es nicht. In späteren Jahren wird Livilla erneut als Verschwörerin ins Exil geschickt, wo sie schließlich stirbt. Hat vielleicht Agrippina damals schon geplant, ihren eigenen kleinen Sohn als Anwärter auf den Caesarenthron in Position zu bringen?
MUSIK
ERZÄHLERIN Sie wird auf der Mittelmeerinsel Pontia festgehalten. Es ist dieselbe Insel, auf der ein Jahrzehnt zuvor ihre Mutter den Tod gefunden hat. Über ein Jahr verbringt Agrippina dort. Sie muss sich gefragt haben, ob sie das Eiland je wieder verlassen wird.
ERZÄHLER Und wieder wendet sich das Glück. Caligula fällt tatsächlich einer Verschwörung zum Opfer. Sein Nachfolger wird sein – und natürlich auch Agrippinas – ältlicher Onkel Claudius, der letzte lebende männliche Vertreter der Dynastie. Er hebt die Verbannung auf und gibt Agrippina ihr eingezogenes Vermögen zurück. Einige Zeit später stirbt Agrippinas erster Ehemann.
ZUSPIELUNG 2 (Werner Eck) Und zwar in dem Augenblick war er tot, als Claudius, der damalige Kaiser, als er seine Ehefrau Messalina hat hinrichten lassen – man könnte auch sagen, ermorden lassen.
ERZÄHLERIN Messalina war in ein etwas undurchsichtiges Komplott verstrickt. Davon gibt es viele am kaiserlichen Hof. Wahrscheinlich wollte sie Claudius absetzen und stattdessen ihren jugendlichen Liebhaber zum Kaiser machen. Claudius hat das erfahren und seine Gattin umgehend beseitigen lassen.
ZUSPIELUNG 3 (Werner Eck) Und damit war Claudius frei als Ehemann. Und da hat nun Agrippina alles drangesetzt, um ihn zu heiraten. Da war sie sozusagen in der Top-Position.
ERZÄHLER Nicht alle Römer sehen das mit Freude. Römische Frauen haben in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen. Aber Agrippina hat keine Lust, im Hintergrund zu bleiben. Sie lässt sich gemeinsam mit Claudius sehen. Sie macht ihren Einfluss geltend. Die konservativen Senatoren sind empört. Noch über ein Jahrhundert später wird diese Empörung in der Darstellung des Geschichtsschreibers Cassius Dio deutlich – auch er ist schließlich ein Senator.
ZITATOR Sobald Agrippina Kaiserin war, wusste sie alles gleich so einzurichten, dass sie sich Claudius ganz zu eigen machte. Niemand wagte, bei ihr Anstoß zu erregen, da sie mehr Macht als selbst Claudius besaß und öffentliche Audienzen veranstaltete, was in den Staatsprotokollen angezeigt wurde.
ERZÄHLERIN Das alles wirkt so, als habe Rom nun nicht einen Herrscher, sondern zwei: Kaiser und Kaiserin. Vor dieser Annahme allerdings muss man sich hüten, warnt Werner Eck.
ZUSPIELUNG 4 (Werner Eck) Sie war nicht Kaiserin, obwohl sie meistens ja so betitelt wird. Die Stellung einer Kaiserin, die gab es in dem Sinn nicht, dass damit ja absolut Null, irgendwelche Recht verbunden waren. Sie konnte Einfluss ausüben, und das hat sie weidlich getan, aber sie hatte dazu keinerlei primäres Recht. Wenn sie Einfluss ausüben wollte, dann ging das eben über den Ehemann. Oder über andere Personen, die dann entsprechend handelten, weil sie eben in der Top-Position war.
MUSIK
ERZÄHLER In der römischen Gesellschaft wird sehr viel Geschäftliches und Politisches über Beziehungen abgewickelt. Agrippina gehört dem vornehmsten Adel an. Ihr Urgroßvater war der erste Kaiser Augustus, ihr Vater der noch immer berühmte Held Germanicus. Sie ist reich, gut vernetzt, und sie ist ehrgeizig. Sie will ganz oben sein. Sie will der Welt ihren Stempel aufdrücken. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Andreas Schäfer und ist im Magnus-Verlag erschienen:
ZITATOR Um auch verbündeten Völkerschaften ihre Macht zu zeigen, setzte Agrippina es durch, dass in der Stadt der Ubier, in welcher sie geboren war, eine Kolonie gegründet wurde, die nach ihr den Namen erhielt.
ERZÄHLERIN Die Ubier sind ein germanischer Stamm. Wahrscheinlich will aber Agrippina nicht so sehr den Germanen einen Machtbeweis liefern, sondern vielmehr ihren Standesgenossen in Rom. Sie verwandelt die germanische Siedlung in eine römische Kolonie: nun steht mitten in Germanien ein Stück Rom, und aus Germanen sind, weil Agrippina es so will, Römer geworden. Und nicht nur das, erklärt Werner Eck.
ZUSPIELUNG 5 (Werner Eck) Sie ist die einzige auf ganz endlos lange Zeit, die dann es vermocht hat, dass eine römische Kolonie dann auch ihren Namen getragen hat. Denn Köln hieß ja damals Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Das ist der sozusagen entscheidende Punkt: die Bewohner dieser Stadt nennen sich nun nach Agrippina.
ERZÄHLER Agrippina hat sich verewigt. Damit hat sie sogar ihren berühmten Vater, den Eroberer und Feldherrn überflügelt. Er trug den Ehrennamen Germanicus, weil er die Germanen im Krieg besiegt hat. Jetzt tragen Germanen Agrippinas Namen. Sie hat die Landkarte verändert.
ERZÄHLERIN Das ist erst der Anfang. Agrippinas Ehrgeiz erstreckt sich auch auf ihren Sohn, der inzwischen dreizehn Jahre alt ist: ein Teenager. Nero. Nach seiner Geburt, so berichtet Tacitus, hat Agrippina Wahrsager über sein Schicksal befragt.
ZITATOR Sie gaben ihr zur Antwort, er werde dereinst herrschen und seine Mutter töten. Darauf sprach sie: Mag er mich auch töten, wenn er nur herrscht!
ERZÄHLER Diese Anekdote ist sicherlich eine spätere Erfindung. Aber ein bisschen fängt sie doch Agrippinas große und zielstrebige Ambition ein: Sie will Macht für sich und ihren Sohn, egal um welchen Preis. Diese Ambition ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, erklärt der Historiker Werner Eck.
ZUSPIELUNG 6 (Werner Eck) Aus ihrer Abstammung her hat sie nun ein exzeptionelles Anspruchsdenken gehabt. Dass sie, weil sie eben auf Augustus zurückgeht, dass sie ein originäres Recht habe, am politischen Prozess teilzunehmen.
ERZÄHLERIN Augustus ist nach seinem Tod unter die Götter versetzt worden. Man hat ihm mitten auf dem Forum in Rom einen Tempel errichtet. Er hat eigene Priester, die für seinen Kult zuständig sind. Von diesem Gott stammt Agrippina ab. Jedes Mal, wenn sie in ihrer Sänfte über das Forum getragen wird und den Tempel sieht, wird sie daran erinnert. Sie ist felsenfest überzeugt, dass ihr und ihrem Sohn die höchste Macht im Staate zusteht.
ERZÄHLER Auch der junge Nero ist ja ein Nachfahre des vergöttlichten Augustus. Claudius stammt dagegen aus einer nicht ganz so vornehmen Linie der Dynastie. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Agrippina bald nach ihrer Hochzeit beginnt, Nero als Anwärter auf den Thron ins Gespräch zu bringen.
ERZÄHLERIN Claudius hat einen eigenen Sohn, der drei Jahre jünger als Nero ist. Dennoch überzeugt Agrippina den Kaiser, Nero zu adoptieren. Damit steht ihr Sohn nun an erster Stelle in der Thronfolge.
ERZÄHLER Die antiken Geschichtsschreiber sind sich einig: Agrippina hat den ältlichen Claudius ausgetrickst. Und der kommt ihr allmählich auf die Spur. Sueton erzählt:
ZITATOR Gegen das Ende seines Lebens hatte er bereits manche nicht undeutlichen Zeichen gegeben, dass er sowohl über seine Verheiratung mit Agrippina als auch über die Adoption des Nero Reue empfand. In der Tat verfasste er nicht lange darauf ein Testament, indes kam ihm, ehe er weitergehen konnte, Agrippina zuvor...
ERZÄHLERIN Nach fünfzehn Ehejahren, so stellen es die antiken Autoren dar, sieht Claudius endlich klar. Er will das Kuckucksei Nero aus dem Nest schubsen und seinen eigenen Sohn wieder zum Thronfolger machen. Daraufhin schreitet Agrippina zur Tat. Am 13. Oktober des Jahres 54 erkrankt Claudius nach einem Gelage. Er leidet üble Magenschmerzen und stirbt schließlich in den frühen Morgenstunden.
ZITATOR Dass er durch Gift ermordet wurde, steht allgemein fest, nur wo und von wem – darüber weichen die Angaben ab.
ERZÄHLER So wie hier Sueton sind sich auch die anderen Geschichtsschreiber durchaus nicht sicher, wann und wo und wie Claudius das Gift gereicht wurde. Offensichtlich kursieren in Rom zahlreiche einander widersprechende Gerüchte. Niemand weiß etwas. Trotzdem – vielleicht auch gerade deshalb – sind alle überzeugt: hinter Claudius‘ Tod steckt Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht sichern will.
ERZÄHLERIN Stimmt das? Oder ist doch der magenleidende, weit über sechzig-Jährige Claudius, der immer gerne reichlich isst und trinkt, doch eines natürlichen Todes gestorben? Auch heute noch sind sich Historiker nicht einig, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gegen einen Giftmord spricht.
ERZÄHLER Nun ist der Kaiser tot, und Rom hat einen neuen Kaiser. Sueton erzählt:
ZITATOR Nero war siebzehn Jahre alt, als er aus dem Palast trat und auf der Freitreppe des Palastes als Imperator begrüßt wurde. Seiner Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung der Prätorianergarde als Parole: „Die beste Mutter“.
ERZÄHLER Die folgenden fünf Jahre gelten den antiken Zeitgenossen als „Goldenes Jahrfünft“, als gute und wohltuende Zeit. Sie sind vermutlich auch die glücklichsten im Leben Agrippinas. Bis der jugendliche Nero alt genug ist, selber das Ruder zu übernehmen, leitet sie gemeinsam mit dem Philosophen Seneca – Neros Erzieher – und dem Kommandanten der Prätorianergarde die Regierung.
MUSIK
ERZÄHLERIN Agrippina hat ihr Ziel erreicht: Sie ist an der Macht. So groß ist ihr Einfluss, dass er sogar ganz offiziell sichtbar wird. Der Historiker Werner Eck:
ZUSPIELUNG 7 (Werner Eck) Es gibt Goldmünzen, die offensichtlich unmittelbar nach dem Tod von Claudius und der Übernahme der Herrschaft durch Nero geprägt wurden. Und auf diesen Münzen erscheint nicht nur das Portrait von Agrippina. Das Entscheidende war, dass dort auf diesen Münzen der Name Agrippinas im Nominativ erschien. Das heißt, sie ist als handelnde Person damit benannt. Und der Name ihres Sohnes, der auf der Rückseite stand – ihr eigener stand auf der Vorderseite – und der Name des Sohnes erschien im Dativ. Das heißt: sie tut etwas für Nero.
MUSIK
ERZÄHLER Eine Statuengruppe zeigt Agrippina, wie sie Nero einen Kranz aufsetzt. Man könnte das so verstehen: Agrippina krönt Nero. Das ist noch nie dagewesen. Und es wird Jahrhunderte dauern, ehe im Römischen Reich wieder eine Frau so sichtbar über eine solche Machtfülle verfügt.
ERZÄHLERIN Immer weiter testet Agrippina die Grenzen des Machbaren aus. Sie nimmt an einer Versammlung des Senats teil – allerdings im Hintergrund, hinter einem Vorhang verborgen. Das mag uns nicht sonderlich gewagt erscheinen, doch der Historiker Tacitus – auch er ein Senator – ist hellauf empört, als er diese Begebenheit berichtet. Frauen haben im Senat einfach nichts zu suchen. Und dann kommt es noch schlimmer.
ZITATOR Ja sogar, als Gesandte der Armenier vor Nero kamen, war Agrippina schon im Begriff, zum Thronsitz des Kaisers emporzusteigen und zugleich mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht Seneca, während die übrigen vor Schrecken erstarrten, Nero aufgefordert hätte, der herankommenden Mutter entgegenzueilen. So wurde unter dem Schein kindlicher Ehrfurcht einem Skandal begegnet.
ERZÄHLER Erschreckend und skandalös wäre es, schreibt Tacitus, wenn die Mutter des jugendlichen Kaisers gemeinsam mit ihm eine ausländische Gesandtschaft empfinge. Damit würde die Tatsache offiziell sichtbar, dass sie seine faktische Mitregentin ist. Respekt vor der Tradition und vor der Form ist ungeheuer wichtig in Rom. Darüber hat Agrippina sich trotz ihrer großen politischen Klugheit hinweggesetzt. Das war ihr großer Fehler, sagt Werner Eck.
ZUSPIELUNG 8 (Werner Eck) Eine Frau hat an der Politik direkt nicht teilzunehmen. Und das hat Agrippina dann für eine kurze Zeit ostentativ missachtet, diese selbstverständliche Struktur römischer Politik. Und das ist dann – hat zu ihrem Ende geführt. ERZÄHLERIN Ein letztes Mal in Agrippinas wechselhaftem Leben wendet sich das Glück. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung beschließt der nun zweiundzwanzig-Jährige Nero, dass er alleine regieren will. Tacitus schreibt lapidar:
ZITATOR Zuletzt fand er sie mehr als lästig, wo man sie auch immer sich aufhalten ließ, und er beschloss, sie zu töten.
ERZÄHLER Die antiken Autoren berichten übereinstimmend von mehreren Mordkomplotten, die scheitern. Vielleicht ist das symbolisch gemeint und soll darstellen, wie mächtig, wie lebendig, wie beinahe übermenschlich Agrippina ihren Zeitgenossen erscheint. Vielleicht illustriert es auch einfach nur die Tatsache, dass Nero große Schwierigkeiten hat, willige Mörder zu finden.
ERZÄHLERIN Agrippina ist bekannt, einflussreich und beim Volk und bei den Soldaten beliebt. Die Prätorianer weigern sich, ihr ein Haar zu krümmen. Erst bei dem Kommandanten der römischen Flotte wird Nero fündig. Dieser täuscht ein Schiffsunglück vor, um Agrippina zu ertränken. Sie entkommt, schwimmt an Land und verbarrikadiert sich in ihrem Landsitz. Tacitus berichtet davon so packend, dass man glauben möchte, er habe die Details von einem Augenzeugen erfahren.
ZITATOR Im Schlafgemach war schwaches Licht und eine einzige Sklavin bei Agrippina, die banger und banger wurde. Jetzt war alles still. Plötzlich ließ sich Lärm vernehmen. Als hierauf die Sklavin das Zimmer verließ, rief sie ihr nach: „Auch du lässt mich allein!“ Die Mörder stellten sich um das Bett, und zuerst schlug der Schiffshauptmann die Kaiserin mit einem Knüttel auf den Kopf. Als dann der Centurio zum Todesstoß das Schwert zog, rief sie, ihren Leib hinhaltend: „In den Mutterleib stoße!“ und erlag unter vielen Wunden.
MUSIK
ERZÄHLER In der Darstellung des Tacitus wird Agrippina in ihrer Todesstunde zur römischen Heldin. Sie stirbt allein und tapfer, hingemeuchelt von vielen – so wie Julius Caesar. Das ist bemerkenswert, denn Tacitus hat für wenige Angehörige der kaiserlichen Dynastie ein gutes Wort übrig. Schnell spricht sich herum, wer hinter der Tat steckt. Nero wird bis zu seinem eigenen Tod knapp zehn Jahre später das Odium des Muttermörders nicht mehr abschütteln können.
ERZÄHLERIN Dennoch bleiben Agrippinas glühender Ehrgeiz, ihr Streben nach Macht und Herrschaft in römischen Augen so ungeheuerlich, dass sie über Jahrhunderte nur als Giftmörderin und Monster dargestellt wird. Erst heute, in einer Zeit, die mächtige Frauen auch als positiv oder einfach als normal betrachtet, können wir zurückblicken und Agrippina als hochbegabte Politikerin sehen, die sehr viel erreicht hat – und am Ende durch ihren Ehrgeiz und die starren Gesetze ihrer Welt gescheitert ist.
Raw Description
<p>Sie ist die Frau mit dem vielleicht schlechtesten Leumund in der gesamten römischen Geschichte: Agrippina, Schwester, Ehefrau und Mutter berüchtigter römischer Kaiser wie Caligula und Nero. Weil sie zielgerichtet selbst nach Macht strebte, wurde sie von den Zeitgenossen als Monster dargestellt. Von Imogen Rhia Herrad (BR 2019)</p><p><strong>Credits</strong><br/> Autorin: Imogen Rhia Herrad<br/> Regie: Martin Trauner <br/> Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Merki, Johannes Hitzelberger<br/> Technik: Regine Elbers<br/> Redaktion: Thomas Morawetz<br/> Im Interview: Prof. Werner Eck<br/> <br/> <strong>Besonderer Linktipp der Redaktion:<br/> </strong><br/> BR (2025): Ein Zimmer für uns allein <br/> <br/> Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert?<a href="https://1.ard.de/EinZimmerfuerunsallein"> <strong>ZUM PODCAST</strong></a><br/> <br/> <strong>Linktipps</strong><br/> <br/> WDR (2023): Agrippina die Ältere: vom Volk geliebt, vom Kaiser verbannt <br/> <br/> Sie gilt als Staatsfeindin: Die römische Adelige Agrippina, Mutter des späteren Kaisers Caligula, wird auf die Insel Ventotene verbannt. Dort stirbt sie am 18.10.33. Nach dem Tod ihres Mannes, dem Feldherrn Germanicus, wird Agrippina die Ältere beschuldigt, an einer Verschwörung beteiligt zu sein. Sie wird auf die Insel Pandateria verbannt, die heute Ventotene heißt. Dort verhungert Agrippina. Bis heute ist ungeklärt, ob sie die Nahrung verweigert hat oder ob sie ihr verwehrt worden ist. <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/wdr-zeitzeichen/agrippina-die-aeltere-vom-volk-geliebt-vom-kaiser-verbannt/wdr-5/94845314/"><strong>JETZT ANHÖREN</strong></a> <br/> <br/> BR2 Tatort Geschichte (2023): Die „Giftmöderin“ Agrippina und der berühmteste Muttermord der Antike <br/> <br/> Im Römischen Reich herrscht 59 n. Chr. ein Mann, der bis heute als Sinnbild römischer Gewalt und Dekadenz gilt: Kaiser Nero. Auf den Thron hat ihn seine Mutter Agrippina verholfen, die weithin als Giftmörderin bekannt ist. Von der harmonischen Mutter-Sohn-Beziehung ist in diesem Jahr allerdings nicht mehr viel zu sehen. Nero plant das, was in der Antike als schändlichste Tat überhaupt gilt, den Muttermord. Zusammen mit unserem Gast Prof. Dr. Martin Zimmermann beleuchten wir die dunkle Seite der Antike. <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/tatort-geschichte-true-crime-meets-history/die-giftmoerderin-agrippina-und-der-beruehmteste-muttermord-der-antike/bayern-2/12629567/"><strong>JETZT ANHÖREN</strong></a> <br/> <br/> WDR (2018): Nero, römischer Kaiser (Todestag 09.06.0068) <br/> <br/> Er war Künstler. Lieber noch als er Kaiser war. Und in beiden Jobs begabt. Begabter jedenfalls, als er uns im kollektiven Gedächtnis geblieben ist seit Peter Ustinovs schauerlich-brillanter Verkörperung im Film "Quo Vadis": Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Herrscher über ein Weltreich. Das Volk verehrt ihn als Showtalent mit politischer Fortune, bis er im sechsten Amtsjahr versagt. <a href="https://www.ardaudiothek.de/episode/wdr-zeitzeichen/nero-roemischer-kaiser-todestag-09-06-0068/wdr-5/55562276/"><strong>JETZT ANHÖREN</strong></a> <br/> <strong><br/> Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte:</strong><br/> <br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/das-kalenderblatt/5949906/">DAS KALENDERBLATT </a>erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.<br/> <br/> Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/">RADIOWISSEN</a>. <br/> <br/> Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an <a>radiowissen@br.de</a>.<br/> <br/> Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/> ARD Audiothek | Alles Geschichte<br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/alles-geschichte-history-von-radiowissen/82362084/">JETZT ENTDECKEN</a><br/> <br/> <strong>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:</strong><br/><br/>MUSIK<br/><br/>ERZÄHLERIN<br/>Es ist das Jahr 15 nach Christus. In Rom hat vor einem Jahr Kaiser Tiberius die Nachfolge seines Adoptivvaters Augustus angetreten. Im fernen Germanien stehen acht Legionen, die Roms Westgrenze entlang des Rheins bewachen. Ihr Oberkommandierender ist der Adoptivsohn des Kaisers, Germanicus Caesar.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Ungewöhnlich für einen römischen Feldherrn ist, dass Germanicus seine Familie mit nach Germanien gebracht hat – den kleinen Sohn und seine schwangere Ehefrau. Im sechsten November bringt sie eine Tochter zur Welt, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina bekommt. Bereits ein Jahr später kehrt die Familie nach Rom zurück: ins Zentrum der Macht.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Werner Eck, Professor Emeritus für Alte Geschichte an der Universität Köln, hat sich ausführlich mit Agrippina beschäftigt. Ohne ihren familiären Hintergrund, sagt er, ist Agrippina nicht zu verstehen. In ihr liefen nämlich die beiden maßgeblichen Familien der frühen Kaiserzeit zusammen.</p> <p>ZUSPIELUNG 1 (Werner Eck)<br/>Und daraus resultierte dann ihre Stellung. Dann kam natürlich hinzu, dass sie im Jahr Fünfzehn nach Christus geboren wurde hier in Köln, als ihr Vater Oberkommandierender des römischen Heeres am Rhein war. Der Ruhm von Germanicus ist immer noch vorhanden gewesen, und darauf hat sie sich ja auch in der Zukunft immer wieder bezogen.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Als Agrippina fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Germanicus war ein römischer Superstar. Bei den Soldaten und beim Volk war er beliebt wie sonst niemand. Nun trauert ganz Rom mit der Witwe und ihren Kindern. Der römische Autor Sueton berichtet:</p> <p>ZITATOR <br/>Durch kein Trostzusprechen, durch keine Edikte konnte der Trauer des Volkes Einhalt geboten werden. Man schleuderte Steine gegen die Tempel und stürzte Altäre um.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Agrippinas Mutter ist überzeugt, dass Kaiser Tiberius seinen designierten Nachfolger vergiftet hat. Der strahlende Kriegsheld Germanicus war wesentlich populärer als der alte, übellaunige und misstrauische Kaiser. Agrippinas Mutter glaubt, dass Tiberius einen Umsturzversuch des Germanicus befürchtet und den vermeintlichen Rivalen deswegen vorsichtshalber aus dem Weg geräumt hat. Jetzt spinnt sie selber Intrigen; vielleicht plant sie nun sogar, den Kaiser zu stürzen. Jedenfalls verbannt Tiberius sie aus Rom auf eine einsame Insel und lässt sie schließlich umbringen.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Als Agrippina etwa vierzehn ist, wird sie verheiratet. Im siebten Jahr ihrer Ehe bringt sie ihr einziges Kind zur Welt. Im gleichen Jahr stirbt Tiberius, ohne einen Erben zu hinterlassen. Sein Nachfolger wird sein nächster Angehöriger – ausgerechnet ein Sohn des Germanicus: Agrippinas älterer Bruder Caligula.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Die Geschwister haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Verbannung und der Tod ihrer Mutter, das Hofleben voller Argwohn und Intrigen und die lange Trennung haben in allen tiefe Spuren hinterlassen. Der plötzliche Umschwung muss ihnen wie eine Erlösung vorkommen.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Caligula ist mit fünfundzwanzig der älteste des Quartetts. Agrippina ist zweiundzwanzig, Drusilla einundzwanzig und Livilla zwanzig Jahre alt. Eine Zeitlang werden die drei jungen Frauen fast so etwas wie Mitkaiserinnen, wie der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio verwundert erzählt.</p> <p>ZITATOR <br/>Gegen seine Schwestern erwies er sich anfangs außerordentlich zärtlich und ehrerbietig. Er erteilte ihnen die Erlaubnis, bei den Schauspielen den Ehrensitz mit ihm zu teilen. Auch ließ er sie in die Gelübde, welche Staatsbeamten und Oberpriester alljährlich für ihn und den Staat taten, mit einschließen, und die Huldigung, die man ihm leistete, ließ er zugleich auch ihnen leisten.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Wenn also die Konsuln im Senat einen Eid auf den römischen Staat schwören, dann schwören sie nun nicht nur auf Staat und Kaiser, sondern auf Staat, Kaiser und die drei kaiserlichen Schwestern. Das Bild der jungen Frauen wird auf offizielle Münzen geprägt. Caligula präsentiert sich im Quartett. So etwas hat es noch nicht gegeben.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>Und dann geht es alles jäh in Scherben. Etwa zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung stirbt Caligulas Lieblingsschwester Drusilla. Der junge Kaiser kann den Verlust nicht verwinden. Plötzlich sieht auch er, so wie einst sein Vorgänger Tiberius, an jeder Ecke Feinde und Verschwörer. Er beschuldigt seine beiden überlebenden Schwestern, gemeinsam mit einem Senator ein Komplott gegen ihn gesponnen zu haben. Der Senator wird hingerichtet, Agrippina und Livilla in die Verbannung geschickt.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Basieren die Vorwürfe auf Fakten? Auf Gerüchten? Hat es die Verschwörung überhaupt gegeben? Gibt es vielleicht nicht einmal Gerüchte, sondern nur einen jähen Stimmungsumschwung des labilen Caligula, der in seinem jungen Leben schon zu viel Verlust und Verrat erlebt hat?</p> <p>ERZÄHLER<br/>Oder haben die Schwestern, die ehrgeizig, klug und in der politischen Welt Roms gut vernetzt sind, tatsächlich gegen ihren Bruder intrigiert? Auszuschließen ist es nicht. In späteren Jahren wird Livilla erneut als Verschwörerin ins Exil geschickt, wo sie schließlich stirbt. Hat vielleicht Agrippina damals schon geplant, ihren eigenen kleinen Sohn als Anwärter auf den Caesarenthron in Position zu bringen?</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Sie wird auf der Mittelmeerinsel Pontia festgehalten. Es ist dieselbe Insel, auf der ein Jahrzehnt zuvor ihre Mutter den Tod gefunden hat. Über ein Jahr verbringt Agrippina dort. Sie muss sich gefragt haben, ob sie das Eiland je wieder verlassen wird.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Und wieder wendet sich das Glück. Caligula fällt tatsächlich einer Verschwörung zum Opfer. Sein Nachfolger wird sein – und natürlich auch Agrippinas – ältlicher Onkel Claudius, der letzte lebende männliche Vertreter der Dynastie. Er hebt die Verbannung auf und gibt Agrippina ihr eingezogenes Vermögen zurück. Einige Zeit später stirbt Agrippinas erster Ehemann.</p> <p>ZUSPIELUNG 2 (Werner Eck)<br/>Und zwar in dem Augenblick war er tot, als Claudius, der damalige Kaiser, als er seine Ehefrau Messalina hat hinrichten lassen – man könnte auch sagen, ermorden lassen.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Messalina war in ein etwas undurchsichtiges Komplott verstrickt. Davon gibt es viele am kaiserlichen Hof. Wahrscheinlich wollte sie Claudius absetzen und stattdessen ihren jugendlichen Liebhaber zum Kaiser machen. Claudius hat das erfahren und seine Gattin umgehend beseitigen lassen.</p> <p>ZUSPIELUNG 3 (Werner Eck)<br/>Und damit war Claudius frei als Ehemann. Und da hat nun Agrippina alles drangesetzt, um ihn zu heiraten. Da war sie sozusagen in der Top-Position.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Nicht alle Römer sehen das mit Freude. Römische Frauen haben in der politischen Öffentlichkeit nichts zu suchen. Aber Agrippina hat keine Lust, im Hintergrund zu bleiben. Sie lässt sich gemeinsam mit Claudius sehen. Sie macht ihren Einfluss geltend. Die konservativen Senatoren sind empört. Noch über ein Jahrhundert später wird diese Empörung in der Darstellung des Geschichtsschreibers Cassius Dio deutlich – auch er ist schließlich ein Senator.</p> <p>ZITATOR <br/>Sobald Agrippina Kaiserin war, wusste sie alles gleich so einzurichten, dass sie sich Claudius ganz zu eigen machte. Niemand wagte, bei ihr Anstoß zu erregen, da sie mehr Macht als selbst Claudius besaß und öffentliche Audienzen veranstaltete, was in den Staatsprotokollen angezeigt wurde.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Das alles wirkt so, als habe Rom nun nicht einen Herrscher, sondern zwei: Kaiser und Kaiserin. Vor dieser Annahme allerdings muss man sich hüten, warnt Werner Eck.</p> <p>ZUSPIELUNG 4 (Werner Eck)<br/>Sie war nicht Kaiserin, obwohl sie meistens ja so betitelt wird. Die Stellung einer Kaiserin, die gab es in dem Sinn nicht, dass damit ja absolut Null, irgendwelche Recht verbunden waren. Sie konnte Einfluss ausüben, und das hat sie weidlich getan, aber sie hatte dazu keinerlei primäres Recht. Wenn sie Einfluss ausüben wollte, dann ging das eben über den Ehemann. Oder über andere Personen, die dann entsprechend handelten, weil sie eben in der Top-Position war. </p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>In der römischen Gesellschaft wird sehr viel Geschäftliches und Politisches über Beziehungen abgewickelt. Agrippina gehört dem vornehmsten Adel an. Ihr Urgroßvater war der erste Kaiser Augustus, ihr Vater der noch immer berühmte Held Germanicus. Sie ist reich, gut vernetzt, und sie ist ehrgeizig. Sie will ganz oben sein. Sie will der Welt ihren Stempel aufdrücken. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet. Die Übersetzung aus dem Lateinischen stammt von Andreas Schäfer und ist im Magnus-Verlag erschienen:</p> <p>ZITATOR <br/>Um auch verbündeten Völkerschaften ihre Macht zu zeigen, setzte Agrippina es durch, dass in der Stadt der Ubier, in welcher sie geboren war, eine Kolonie gegründet wurde, die nach ihr den Namen erhielt.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Die Ubier sind ein germanischer Stamm. Wahrscheinlich will aber Agrippina nicht so sehr den Germanen einen Machtbeweis liefern, sondern vielmehr ihren Standesgenossen in Rom. Sie verwandelt die germanische Siedlung in eine römische Kolonie: nun steht mitten in Germanien ein Stück Rom, und aus Germanen sind, weil Agrippina es so will, Römer geworden. Und nicht nur das, erklärt Werner Eck. </p> <p>ZUSPIELUNG 5 (Werner Eck)<br/>Sie ist die einzige auf ganz endlos lange Zeit, die dann es vermocht hat, dass eine römische Kolonie dann auch ihren Namen getragen hat. Denn Köln hieß ja damals Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Das ist der sozusagen entscheidende Punkt: die Bewohner dieser Stadt nennen sich nun nach Agrippina. </p> <p>ERZÄHLER<br/>Agrippina hat sich verewigt. Damit hat sie sogar ihren berühmten Vater, den Eroberer und Feldherrn überflügelt. Er trug den Ehrennamen Germanicus, weil er die Germanen im Krieg besiegt hat. Jetzt tragen Germanen Agrippinas Namen. Sie hat die Landkarte verändert.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Das ist erst der Anfang. Agrippinas Ehrgeiz erstreckt sich auch auf ihren Sohn, der inzwischen dreizehn Jahre alt ist: ein Teenager. Nero. Nach seiner Geburt, so berichtet Tacitus, hat Agrippina Wahrsager über sein Schicksal befragt.</p> <p>ZITATOR <br/>Sie gaben ihr zur Antwort, er werde dereinst herrschen und seine Mutter töten. Darauf sprach sie: Mag er mich auch töten, wenn er nur herrscht!</p> <p>ERZÄHLER<br/>Diese Anekdote ist sicherlich eine spätere Erfindung. Aber ein bisschen fängt sie doch Agrippinas große und zielstrebige Ambition ein: Sie will Macht für sich und ihren Sohn, egal um welchen Preis. Diese Ambition ist ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt, erklärt der Historiker Werner Eck.</p> <p>ZUSPIELUNG 6 (Werner Eck)<br/>Aus ihrer Abstammung her hat sie nun ein exzeptionelles Anspruchsdenken gehabt. Dass sie, weil sie eben auf Augustus zurückgeht, dass sie ein originäres Recht habe, am politischen Prozess teilzunehmen. </p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Augustus ist nach seinem Tod unter die Götter versetzt worden. Man hat ihm mitten auf dem Forum in Rom einen Tempel errichtet. Er hat eigene Priester, die für seinen Kult zuständig sind. Von diesem Gott stammt Agrippina ab. Jedes Mal, wenn sie in ihrer Sänfte über das Forum getragen wird und den Tempel sieht, wird sie daran erinnert. Sie ist felsenfest überzeugt, dass ihr und ihrem Sohn die höchste Macht im Staate zusteht.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Auch der junge Nero ist ja ein Nachfahre des vergöttlichten Augustus. Claudius stammt dagegen aus einer nicht ganz so vornehmen Linie der Dynastie. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Agrippina bald nach ihrer Hochzeit beginnt, Nero als Anwärter auf den Thron ins Gespräch zu bringen.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Claudius hat einen eigenen Sohn, der drei Jahre jünger als Nero ist. Dennoch überzeugt Agrippina den Kaiser, Nero zu adoptieren. Damit steht ihr Sohn nun an erster Stelle in der Thronfolge.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Die antiken Geschichtsschreiber sind sich einig: Agrippina hat den ältlichen Claudius ausgetrickst. Und der kommt ihr allmählich auf die Spur. Sueton erzählt:</p> <p>ZITATOR <br/>Gegen das Ende seines Lebens hatte er bereits manche nicht undeutlichen Zeichen gegeben, dass er sowohl über seine Verheiratung mit Agrippina als auch über die Adoption des Nero Reue empfand. In der Tat verfasste er nicht lange darauf ein Testament, indes kam ihm, ehe er weitergehen konnte, Agrippina zuvor...</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Nach fünfzehn Ehejahren, so stellen es die antiken Autoren dar, sieht Claudius endlich klar. Er will das Kuckucksei Nero aus dem Nest schubsen und seinen eigenen Sohn wieder zum Thronfolger machen. Daraufhin schreitet Agrippina zur Tat. Am 13. Oktober des Jahres 54 erkrankt Claudius nach einem Gelage. Er leidet üble Magenschmerzen und stirbt schließlich in den frühen Morgenstunden.</p> <p>ZITATOR<br/>Dass er durch Gift ermordet wurde, steht allgemein fest, nur wo und von wem – darüber weichen die Angaben ab.</p> <p>ERZÄHLER<br/>So wie hier Sueton sind sich auch die anderen Geschichtsschreiber durchaus nicht sicher, wann und wo und wie Claudius das Gift gereicht wurde. Offensichtlich kursieren in Rom zahlreiche einander widersprechende Gerüchte. Niemand weiß etwas. Trotzdem – vielleicht auch gerade deshalb – sind alle überzeugt: hinter Claudius‘ Tod steckt Agrippina, die ihrem Sohn den Weg zur Macht sichern will. </p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Stimmt das? Oder ist doch der magenleidende, weit über sechzig-Jährige Claudius, der immer gerne reichlich isst und trinkt, doch eines natürlichen Todes gestorben? Auch heute noch sind sich Historiker nicht einig, obwohl die Wahrscheinlichkeit eher gegen einen Giftmord spricht.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Nun ist der Kaiser tot, und Rom hat einen neuen Kaiser. Sueton erzählt:</p> <p>ZITATOR <br/>Nero war siebzehn Jahre alt, als er aus dem Palast trat und auf der Freitreppe des Palastes als Imperator begrüßt wurde. Seiner Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung der Prätorianergarde als Parole: „Die beste Mutter“.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Die folgenden fünf Jahre gelten den antiken Zeitgenossen als „Goldenes Jahrfünft“, als gute und wohltuende Zeit. Sie sind vermutlich auch die glücklichsten im Leben Agrippinas. Bis der jugendliche Nero alt genug ist, selber das Ruder zu übernehmen, leitet sie gemeinsam mit dem Philosophen Seneca – Neros Erzieher – und dem Kommandanten der Prätorianergarde die Regierung.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Agrippina hat ihr Ziel erreicht: Sie ist an der Macht. So groß ist ihr Einfluss, dass er sogar ganz offiziell sichtbar wird. Der Historiker Werner Eck:</p> <p>ZUSPIELUNG 7 (Werner Eck)<br/>Es gibt Goldmünzen, die offensichtlich unmittelbar nach dem Tod von Claudius und der Übernahme der Herrschaft durch Nero geprägt wurden. Und auf diesen Münzen erscheint nicht nur das Portrait von Agrippina. Das Entscheidende war, dass dort auf diesen Münzen der Name Agrippinas im Nominativ erschien. Das heißt, sie ist als handelnde Person damit benannt. Und der Name ihres Sohnes, der auf der Rückseite stand – ihr eigener stand auf der Vorderseite – und der Name des Sohnes erschien im Dativ. Das heißt: sie tut etwas für Nero.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>Eine Statuengruppe zeigt Agrippina, wie sie Nero einen Kranz aufsetzt. Man könnte das so verstehen: Agrippina krönt Nero. Das ist noch nie dagewesen. Und es wird Jahrhunderte dauern, ehe im Römischen Reich wieder eine Frau so sichtbar über eine solche Machtfülle verfügt.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Immer weiter testet Agrippina die Grenzen des Machbaren aus. Sie nimmt an einer Versammlung des Senats teil – allerdings im Hintergrund, hinter einem Vorhang verborgen. Das mag uns nicht sonderlich gewagt erscheinen, doch der Historiker Tacitus – auch er ein Senator – ist hellauf empört, als er diese Begebenheit berichtet. Frauen haben im Senat einfach nichts zu suchen. Und dann kommt es noch schlimmer.</p> <p>ZITATOR <br/>Ja sogar, als Gesandte der Armenier vor Nero kamen, war Agrippina schon im Begriff, zum Thronsitz des Kaisers emporzusteigen und zugleich mit ihm den Vorsitz zu führen, wenn nicht Seneca, während die übrigen vor Schrecken erstarrten, Nero aufgefordert hätte, der herankommenden Mutter entgegenzueilen. So wurde unter dem Schein kindlicher Ehrfurcht einem Skandal begegnet.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Erschreckend und skandalös wäre es, schreibt Tacitus, wenn die Mutter des jugendlichen Kaisers gemeinsam mit ihm eine ausländische Gesandtschaft empfinge. Damit würde die Tatsache offiziell sichtbar, dass sie seine faktische Mitregentin ist. Respekt vor der Tradition und vor der Form ist ungeheuer wichtig in Rom. Darüber hat Agrippina sich trotz ihrer großen politischen Klugheit hinweggesetzt. Das war ihr großer Fehler, sagt Werner Eck.</p> <p>ZUSPIELUNG 8 (Werner Eck)<br/>Eine Frau hat an der Politik direkt nicht teilzunehmen. Und das hat Agrippina dann für eine kurze Zeit ostentativ missachtet, diese selbstverständliche Struktur römischer Politik. Und das ist dann – hat zu ihrem Ende geführt. <br/> <br/>ERZÄHLERIN<br/>Ein letztes Mal in Agrippinas wechselhaftem Leben wendet sich das Glück. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung beschließt der nun zweiundzwanzig-Jährige Nero, dass er alleine regieren will. Tacitus schreibt lapidar:</p> <p>ZITATOR <br/>Zuletzt fand er sie mehr als lästig, wo man sie auch immer sich aufhalten ließ, und er beschloss, sie zu töten.</p> <p>ERZÄHLER<br/>Die antiken Autoren berichten übereinstimmend von mehreren Mordkomplotten, die scheitern. Vielleicht ist das symbolisch gemeint und soll darstellen, wie mächtig, wie lebendig, wie beinahe übermenschlich Agrippina ihren Zeitgenossen erscheint. Vielleicht illustriert es auch einfach nur die Tatsache, dass Nero große Schwierigkeiten hat, willige Mörder zu finden.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Agrippina ist bekannt, einflussreich und beim Volk und bei den Soldaten beliebt. Die Prätorianer weigern sich, ihr ein Haar zu krümmen. Erst bei dem Kommandanten der römischen Flotte wird Nero fündig. Dieser täuscht ein Schiffsunglück vor, um Agrippina zu ertränken. Sie entkommt, schwimmt an Land und verbarrikadiert sich in ihrem Landsitz. Tacitus berichtet davon so packend, dass man glauben möchte, er habe die Details von einem Augenzeugen erfahren.</p> <p>ZITATOR <br/>Im Schlafgemach war schwaches Licht und eine einzige Sklavin bei Agrippina, die banger und banger wurde. Jetzt war alles still. Plötzlich ließ sich Lärm vernehmen. Als hierauf die Sklavin das Zimmer verließ, rief sie ihr nach: „Auch du lässt mich allein!“ Die Mörder stellten sich um das Bett, und zuerst schlug der Schiffshauptmann die Kaiserin mit einem Knüttel auf den Kopf. Als dann der Centurio zum Todesstoß das Schwert zog, rief sie, ihren Leib hinhaltend: „In den Mutterleib stoße!“ und erlag unter vielen Wunden.</p> <p>MUSIK</p> <p>ERZÄHLER<br/>In der Darstellung des Tacitus wird Agrippina in ihrer Todesstunde zur römischen Heldin. Sie stirbt allein und tapfer, hingemeuchelt von vielen – so wie Julius Caesar. Das ist bemerkenswert, denn Tacitus hat für wenige Angehörige der kaiserlichen Dynastie ein gutes Wort übrig. Schnell spricht sich herum, wer hinter der Tat steckt. Nero wird bis zu seinem eigenen Tod knapp zehn Jahre später das Odium des Muttermörders nicht mehr abschütteln können.</p> <p>ERZÄHLERIN<br/>Dennoch bleiben Agrippinas glühender Ehrgeiz, ihr Streben nach Macht und Herrschaft in römischen Augen so ungeheuerlich, dass sie über Jahrhunderte nur als Giftmörderin und Monster dargestellt wird. Erst heute, in einer Zeit, die mächtige Frauen auch als positiv oder einfach als normal betrachtet, können wir zurückblicken und Agrippina als hochbegabte Politikerin sehen, die sehr viel erreicht hat – und am Ende durch ihren Ehrgeiz und die starren Gesetze ihrer Welt gescheitert ist.</p>