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Liebesbriefe Zärtliche Zeilen und Zeitzeugnisse

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Inhalt

Liebesbriefe sind spannende Zeitzeugnisse. Sie spiegeln Hoffnung und Sehnsucht und sind eine mutige Selbstoffenbarung mit dem Risiko. Mache gewähren auch Einblick in das Auf und ab von Beziehungen. Vor allem sind Liebesbriefe tiefromantische Bekenntnisse im Versuch, das ganz große Gefühl auszudrücken und für immer auf Papier zu bannen.

In Mexiko-Stadt gibt es einen Platz, an dem Schreiber sitzen. Unter Kolonnaden, vor Hitze und Regen geschützt, betreiben sie ein uraltes Geschäft. Es kommen Menschen zu ihnen, die Hilfe suchen. Oft sind es Liebende. Die Schreiber hören zu und übersetzen ihre Gefühle in Liebesbriefe.

Liebesbriefe großer Literatinnen und Künstler faszinieren besonders. Mit viel Fantasie und Begabung werden hier Gefühle ausgedrückt. Editionen von Liebesbriefen berühmter Menschen füllen die Buchhandlungen, oft sind es Bestseller. Sie gewähren Einblick in das private Leben von Personen, die wir sonst nur aus der Öffentlichkeit kennen.

Die Germanistikprofessorin Eva Lia Wyss wollte sich nicht mit der großen Literatur beschäftigen. Als Sprachwissenschaftlerin interessierte sie sich für die Liebesbriefe der Allgemeinheit. In den 90er Jahren begann sie, quer durch die Schweiz Gratisanzeigen zu schalten, in denen sie dazu aufrief, ihr Liebesbriefe zu schicken. Knapp 2500 Liebesbriefe stapelten sich innerhalb von wenigen Monaten auf ihrem Schreibtisch. 1997 entschloss sie sich, ein Archiv zu gründen. Dieses Liebesbriefarchiv umfasst heute um die 50.000 Zusendungen, die in Zusammenarbeit mit Universitäten in Dortmund und Koblenz archiviert, digitalisiert und weit erforscht worden sind. Es ist das größte deutschsprachige Archiv seiner Art.

Der Liebesbrief folgt einer bestimmten Struktur. Zentrale Elemente sind Gruß, Abschied, und Liebesbekundung. Und jeder Brief enthält dabei Codes, sprachliche Verschlüsselungen von Gefühlen, von Begehren.

Der Liebesbrief ist ein Männergenre, weil er ursprünglich, und vor allem im 19. Jahrhundert, der Brief ist, der an Frauen gerichtet wird. Diese Codierungen des Begehrens, die Darstellung der Imaginationen, sind männlich gegendert.

Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler, hat sich mit den Brautbriefen zwischen Sigmund Freud und seiner Verlobten Martha Bernays beschäftigt. Freud und Bernays lernen sich im Jahr 1882 kennen. Freud ist auf Anhieb verliebt. Nur zwei Monate später sind die beiden verlobt. Doch die Hochzeit muss warten. Martha Bernays lebt in der Nähe von Hamburg, Sigmund Freud in Wien. Über diese große Distanz schreiben sie sich jeden Tag, viereinhalb Jahre. Ca. 1500 Briefe reisen hin und her. Der Briefwechsel steht für das Auf und Ab einer gelebten Beziehung, in der zwei Menschen anfangs frisch verliebt sind, sich über Briefe kennen lernen müssen und sich wortwörtlich zusammenraufen.

Mit dem gesellschaftlichen Wandel haben sich Vorstellungen von Moral, von Liebesleben, von Gemeinsamkeit geändert. Auch davon, ob die eigenen Gefühle überhaupt geteilt werden müssen. Das Individuum steht im Zentrum.

Besuch im Atelier der Philosophin und Künstlerin Marie von Heyl. Sie hat sich eingehend mit zwei Vertretern der poststrukturalistischen Schule beschäftigt: Jacques Lacan und Jacques Derrida. Beide revolutionieren in den Sechzigerjahren die Idee von Sprache. In dieser Sprachauffassung ist Sinn nicht irgendwas was schon da ist, und durch Sprache transportiert wird, sondern Sinn entsteht erst, und wird produziert, und auch erst nachträglich.

Für Marie von Heyl sind Liebesbriefe Einladungen zu Denken. Sie sind auch zentraler Teil ihrer Arbeit als Philosophin und Künstlerin. Sie findet spannend und schön, dass ein Text immer wieder zu einem neuen, unerwarteten Gedanken führen kann.

Welchen Stellenwert hat ein Liebesbrief heute? Post-its auf dem Kühlschrank, öffentliche Bekundungen in den sozialen Medien sind neue Formen von Gefühlsergüssen. Den echten Liebesbrief macht immer noch die klassische Struktur von Anrede, Abschied und Liebesbekundung aus. Die meisten schreiben ihn zu Jubiläen oder Festtagen. Für alles Alltägliche gibt es SMS oder Email.

Der Liebesbrief steht für den Versuch, wahre Liebe in Wort und Schrift festzuhalten. Für Sehnsucht, Romantik und Hoffnung. Für eine Verbindlichkeit – denn schnell löschen lässt sich ein Brief aus dem Postkasten nicht mehr. Das Liebesbriefarchiv enthält viele Beispiele von Kindern, die Liebesbriefe verfassen. Kinder schreiben Liebesbriefe, sobald sie schreiben lernen – mit Pathos und Mut.


Credits

  • Autorin dieser Folge: Valerie von Kittlitz
  • Regie: Anja Scheifinger
  • Es sprachen: Katja Amberger, Jenny Güzel, Johannes Hitzelberger, Florian Schwarz, Hemma Michel
  • Technik: Regine Elbers
  • Redaktion: Susanne Poelchau

Im Interview

Literatur-Empfehlungen

  • Sigmund Freud, Martha Bernays: Brautbriefe. Sie waren nie zur Veröffentlichung vorgesehen und bieten nun überaus faszinierende Einblicke in die große Liebe des Vaters der Psychoanalyse. Der letzte Band ist noch nicht erschienen.

  • Johannes Kleinbeck: Geschichte der Zärtlichkeit. Die Erfindung des einvernehmlichen Sex und ihr zwiespältiges Erbe bei Rousseau, Kant, Hegel und Freud. Spannende Darstellung des schleppenden Wandels einer tristen Pflichterfüllung durch die Aufklärung.

  • Eva L. Wyss, Susanne Häberlin, Rachel Schmid: Übung macht die Meisterin: Ratschläge für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch. Ein wertvoller Ratgeber.

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