"Pirate Queens". Frauen unter der Totenkopf-Flagge
Radiowissen
Credits
Autor dieser Folge: Frank Halbach
Regie: Frank Halbach
Es sprachen: Katja Bürkle, Sophie Rogall und Sven Hussock
Technik: Lorenz Kersten
Redaktion: Katharina Hübel
Im Interview
- PD Dr. phil. habil. Jan Simon Karstens, Deutsches Historisches Institut Paris; Leiter des Forschungsprojekts Seefahrende und Seereisende Frauen in der Frühen Neuzeit und Autor
Literatur
- Simon Karstens: „Pirate Queens?" Was uns historische Quellen über Mary Read und Ann Bonny verraten – und was nicht. Identifying Maritime Women in the Age of Sail. Abgerufen am 14. Mai 2025 von doi.org/10.58079/vb7g (sehr differenzierte Auseinandersetzung mit den Quellen und wie ein Mythos daraus entstand)
- Robert Bohn: Die Piraten. München 2020. (Schilderung der der Wirklichkeit des Piratenlebens im Goldenen Zeitalter der Seeräuberei)
- Captain Charles Johnson: „Umfassende Geschichte der Räubereien und Mordtaten der berüchtigten Piraten. Frankfurt am Main 1982. (Die ebenso umstrittene wie bedeutsame Schilderung der Geschichte von Anne Bonny und Mary Read, die sie zum Mythos gemacht hat.)
Besondere Empfehlung der Redaktion
Frauengeschichte:
Wenn ihr euch für noch mehr spannende und überraschende Frauengeschichten interessiert, dann können wir euch den BR-Instagram-Kanal FrauenGeschichte empfehlen. Den findet ihr hier: @frauen_geschichte. Und den Podcast zum FrauenGeschichte-Kanal findet ihr in der ARD Audiothek: Ein Zimmer für uns allein: ardaudiothek.de/sendung/ein-zimmer-fu...
Hörspiel-Podcast über Anne Bonny beim WDR:
Ihr wollt mehr über die wohl berühmteste Piratin der Karibik erfahren? Der Hörspiel-Podcast „Anne Bonny. Die Piratin" erzählt ihre Lebensgeschichte als großes Abenteuer-Epos: Anne Bonny. Die Piratin - Infos und Hintergründe - Hörspiel - Radio - WDR
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Weitere Ressourcen
Identifying Maritime Women in the Age of Sail — Der Forschungsblog von Historiker Simon Karstens, auf dem er gut verständlich in einzelnen Artikeln u. a. die historischen Quellen zu den legendären "Pirate Queens" ausgewertet hat
Raw Description
<p>Sie sind Mythos: "Pirate Queens", Seeräuberinnen, der Schrecken der Karibik. Es gab sie wirklich, sie waren reale Personen in der Geschichte der Piraterie. Als Abenteurerinnen, Kämpferinnen für Frauenrechte und leidenschaftliche Liebhaberinnen sind sie zu Ikonen der Popkultur geworden. Autor: Frank Halbach </p><p><strong>Credits</strong><br/> Autor dieser Folge: Frank Halbach <br/> Regie: Frank Halbach<br/> Es sprachen: Katja Bürkle, Sophie Rogall und Sven Hussock <br/> Technik: Lorenz Kersten<br/> Redaktion: Katharina Hübel </p> <p><strong>Im Interview:</strong></p> <p>- PD Dr. phil. habil. Jan Simon Karstens, Deutsches Historisches Institut Paris; Leiter des Forschungsprojekts Seefahrende und Seereisende Frauen in der Frühen Neuzeit und Autor <br/> <br/></p> <p><strong>Literatur: </strong></p> <p>- Simon Karstens: „Pirate Queens?” Was uns historische Quellen über Mary Read und Ann Bonny verraten – und was nicht. Identifying Maritime Women in the Age of Sail. Abgerufen am 14. Mai 2025 von https://doi.org/10.58079/vb7g</p> <p>(sehr differenzierte Auseinandersetzung mit den Quellen und wie ein Mythos daraus entstand)</p> <p>- Robert Bohn: Die Piraten. München 2020.</p> <p>(Schilderung der der Wirklichkeit des Piratenlebens im Goldenen Zeitalter der Seeräuberei)</p> <p>- Captain Charles Johnson: „Umfassende Geschichte der Räubereien und Mordtaten der berüchtigten Piraten. Frankfurt am Main 1982.</p> <p>(Die ebenso umstrittene wie bedeutsame Schilderung der Geschichte von Anne Bonny und Mary Read, die sie zum Mythos gemacht hat.</p> <br/> <p><strong>Besondere Empfehlung der Redaktion:</strong></p> <p><strong>Frauengeschichte:</strong></p> <p>Wenn ihr euch für noch mehr spannende und überraschende Frauengeschichten interessiert, dann können wir euch den BR-Instagram-Kanal FrauenGeschichte empfehlen. 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Hisst die schwarze Flagge und setzt die „Revenge“ vor den Wind. <em>(Peitschenknallen) </em></p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Die Karibik Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts: Das Goldene Zeitalter der Piraterie.</p> <p> </p> <p><em>ATMO </em><em>hoch</em></p> <p><em> </em></p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bringt sie längsseits! Versetzen wir ihnen eine Breitseite! Kanonen - Feuer!</p> <p><em> </em></p> <p><em>Geräusch Kanonendonner, -einschläge, Seegefecht</em></p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Es ist eine Zeit, um die sich viele Abenteuer und Legenden ranken. Aber auch eine Zeit, in der Piraten tatsächlich massiv die Meere unsicher machten. Der spanische Erbfolgekrieg schlägt auch Wellen auf den Ozeanen: Freibeuter sind im Interesse Englands auf der Jagd nach spanischen Schatzschiffen - der legendären Silberflotte, die voll beladen und begleitet von Kriegsschiffen zurücksegelt nach Europa. Offene Piraterie beim Überfall auf Sklavenschiffe. Seeräuber, die alle vorherrschenden Konventionen über Rasse, Klasse, Nation und Geschlecht in Frage stellten, verklärt zu einer heldenhaften und ruhmreichen Kameradschaft im herrschaftsfreien Raum der hohen See</p> <p> </p> <p>ATMO <em>hoch Seeschlacht, Entern</em> </p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Alles klar zum Entern! Vorwärts Männer! Folgt Eurer Kapitänin! <em>(schwingt sich vom Schiff) </em>Aiiiiiiii!</p> <p> </p> <p>ATMO <em>hoch dann ganz leise blenden; </em>MUSIK 1 <em>langsam</em> <em>überblenden in</em> MUSIK 2 <em>„Trinkt aus Piraten, yo-ho“</em></p> <p><em> </em></p> <p>SPRECHER</p> <p>Ähm. Kapitänin? Seeräuberromantik schön und gut – aber: Piratinnen? Das ist ja jetzt wirklich unglaubwürdig - Woke Erfindungen der Popkultur!</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Von wegen, du Landratte! Es gab sie wirklich: Die „Piratinnen der Karibik". </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Sogar ihre Namen kennen wir aus historischen Quellen – und in ebensolche musste es erstmal überhaupt eine Frau schaffen Anfang des 18. Jahrhunderts: Anne Bonny und Mary Read waren legendär. Sie erlangten in der Piratenszene nicht nur als gewöhnliche Seeräuberinnen Ruhm, sondern sie galten sogar als berüchtigte Anführerinnen und Kapitäninnen </p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Der Schrecken aller Gouverneure – Sie waren die Pirate Queens, die Piratenköniginnen!</p> <p> </p> <p><em>MUSIK</em></p> <p> </p> <p><em>darüber</em> SPRECHER <em>(abschätzig)</em><em></em></p> <p>Die Piratinnen der Karibik! Aufgebauschtes Seemannsgarn! Lächerlich.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Nein! Eine wahre Geschichte! Die viele Menschen auch heute noch inspiriert. </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Die Piratinnen Anne Bonny und Mary Read sind Heldinnen der 38 Episoden umfassenden US-Fernseh-Serie „Black Sails“…</p> <p>SPRECHER<em> (spöttisch)</em></p> <p>…die die Vorgeschichte zu Robert Louis Stevenson haarsträubenden Abenteuerroman „Die Schatzinsel“ erzählt. Alles nur ausgedacht. Eine imaginäre Welt!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Sie sind die Hauptfiguren im Hörspiel-Podcast des WDR „Anne Bonny. Die Piratin“.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Die wahre Geschichte der berühmtesten Piratin der Karibik!</p> <p> </p> <p>SPRECHER</p> <p>Wahr! Nie im Leben!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Die Piratinnen sind die Protagonistinnen von…</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(unterbrechend, abwertend)</em></p> <p>Spielfilmen, Comics und Abenteuerromanen!</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(auftrumpfend)</em></p> <p>Von Fernsehdokumentationen, Sachbüchern und Biographien.</p> <p>ERZÄHLERIN <em>(vermittelnd)</em></p> <p>Die Pirate Queens, die Piratinnen der Karibik, Anne Bonny und Mary Read – echte Menschen? Reale Figuren der Geschichte? Oder Fiktion, Fantasieprodukte, Mythos?</p> <p><em> </em></p> <p><em>MUSIK ENDE</em></p> <p><em> </em></p> <p>01 O-Ton Karstens </p> <p><em>Ja, Read und Bonny, die hat es gegeben. Sie wurden nachweislich von der Obrigkeit gejagt, sie haben Menschen überfallen, sie sind gefangen genommen worden und von einem Gericht rechtskräftig zum Tode verurteilt worden. All das wissen wir und können wir beweisen.</em> </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Sagt der Historiker Dr. Simon Karstens, der sich eingehend mit den Piratinnen befasst hat In einem Forschungsprojekt am Deutschen Historischen Institut Paris untersucht er Seefahrende und Seereisende Frauen in der Frühen und er betreibt einen Forschungsblog zu dem Thema. Zu Mary Read und Anne Bonny. </p> <p><strong> </strong></p> <p>02 O-Ton Karstens </p> <p><em>Bereits direkt nachdem sie gestorben sind, ist ein Mythos über sie entstanden. Eine Geschichte, die selbst eine Geschichte hat, eine Legende mit Vergangenheit sozusagen. Und dieser Mythos ist fast genauso alt wie sie selbst. Und an dem Mythos ist nicht unbedingt so viel Wahres dran.</em></p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Simon Karstens untersucht die Präsenz und Bedeutung historischer Akteurinnen in maritimen Räumen einerseits und die Konstruktion von Geschlechterrollen und -grenzen andererseits..</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(engagiert)</em></p> <p>Und er bestätigt, dass es die Piratinnen gegeben hat.</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(abwiegelnd)</em></p> <p>Und dass an der Geschichte um sie nicht viel Wahres dran ist.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Eine Legende, die eine Geschichte hat. Und sie beginnt mit einem Buch, das seinerzeit ein Bestseller war und unser Bild von Piraten bis heute prägt: Charles Johnson’s „A General History of the Pyrates” – „eine allgemeine Geschichte der Piraten“ aus dem Jahr 1724.</p> <p> </p> <p>03 O-Ton Karstens </p> <p><em>Wir wissen nicht mal, wer der Autor tatsächlich ist. ((Es gab da lange Zeit Theorien, ob vielleicht Daniel Defoe, der Autor von unter anderem berühmten Geschichten auch über Seefahrt und Piraterie eine Rolle gespielt hat. Aber das gilt als widerlegt. Und es gibt viele Überlegungen, aber es war ein Pseudonym. Wir wissen nicht, wer der Autor ist.)) Belegen können wir den Herausgeber Charles Rivington, der in London für das Marketing zuständig war, mit dem Buch auch das ganze Geld verdient hat.</em></p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Als Verleger ahnte er, dass seine Leser sich für Piratinnen besonders interessieren würden.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>„Frauen an Bord“ – so gut wie immer präsentiert als freiheitsliebende Piratin oder Piratenbraut – sind seit dem 18. Jahrhundert ein etabliertes Element in den populären Medien – von Flugschriften und frühen Historienwerken damals über Romane und Opern bis zu den Filmen und Computerspielen von heute. Es hat sich einfach schon immer gut verkauft – es klingt nach Skandal, nach Faszinosum – die Bildzeitungs-Headlines von damals eben.</p> <p>Dementsprechend warb Rivington auf dem Titelblatt mit der sensationellen Geschichte der beiden Frauen.</p> <p> </p> <p>((SPRECHER</p> <p>Dazu griff er tief in die Klamottenkiste der Klischees, beziehungsweise dachte sich gleich einfach etwas aus, von dem er glaubte, dass es sich gut verkaufen würde.))</p> <p> </p> <p>04 O-Ton Karstens </p> <p><em>Die Werbung verspricht eigentlich mehr, als das Buch dann hält. Und wenn wir ein bisschen darüber reden, was für einen Mythos er selber schon spinnt, der Johnson, was für eine Geschichte er erzählt, dann finde ich es total spannend zu sehen, wie wichtig für Johnson ist, zu erklären, warum diese Frauen Piratinnen wurden. ((Die Vorgeschichte, das Leben, sogar die Eltern und die Moral der Eltern sind für ihn viel wichtiger, als die Piratentaten, auf die heute jeder gucken würde.)) Er will sein Publikum erklären, warum Frauen Verbrecherinnen geworden sind und für eine Weile die Geschlechtergrenzen ihrer Zeit in Frage gestellt haben. Und das ist komplett geprägt von dem Wertesystem, von den moralischen Konventionen seiner Zeit, dem ist alles ein- und zugeordnet.</em></p> <p> </p> <p><em>MUSIK 3 </em><em>„Black Sails Theme and Variations“</em><em></em></p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(herausfordernd)</em></p> <p>Frauen, die es wagen alle Normen und Konventionen in Frage zu stellen. Im 18. Jahrhundert! Die eine Gesellschaft herausfordern, der der Aufstieg von Frauen zu Anführerinnen, Kapitäninnen, Piratenköniginnen ein Dorn im Auge ist!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Eine Einordnung als Anführerin, Kapitänin oder gar als Piratenkönigin ist laut Simon Karstens unbelegbar und unzutreffend. Aber ist es für Frauen im 18. Jahrhundert nicht Leistung genug, vollwertiges Mitglied einer Seeräubercrew zu sein?</p> <p> </p> <p>05 O-Ton Karstens </p> <p><em>Die Frauen sind den Männern, wenn sie mal die Männerkleidung anlegen völlig ebenbürtig. Beide Frauen sind also an Bord Teil der Bordgemeinschaft</em></p> <p> </p> <p>ATMO <em>Säbelgefecht</em></p> <p>SPRECHERIN <em>(intensiv)</em></p> <p>"Die beiden Frauen trugen Männerjacken und lange Hosen und um den Kopf gebundene Taschentücher; jede von ihnen hatte eine Machete und eine Pistole in der Hand." </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>So beschreibt eine Zeugenaussage die beiden Piratinnen im Prozessbericht von 1721. Einem Prozess, bei dem sie ihrer Verbrechen angeklagt wurden.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(begeistert)</em></p> <p>Sie waren Heldinnen feministischer Emanzipation und des Crossdressing.</p> <p> </p> <p>ATMO ENDE</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(abwiegelnd)</em></p> <p>Man kam in der Gesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts in Männerkleidern einfach besser durch als in Frauengewändern, zumal auf einem Schiff.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(überschwänglich) </em></p> <p>Und beide liebten einander: Sie waren Female Pirate Lovers, Vorkämpferinnen lesbischer Liebe und fochten für Freiheit und gegen Ausgrenzung.</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(nüchtern)</em></p> <p>Lesbische Liebe, offen gelebt? Vorkämpferinnen für die Lgbtqi-Community im 18. Jahrhundert? Und dann noch female leadership? Dein Ernst? </p> <p> </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Von einer romantischen oder sexuellen Beziehung zwischen beiden Frauen ist in den Quellen in der Tat nirgendwo die Rede. </p> <p> </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p> </p> <p>06 O-Ton Karstens (11:43)</p> <p><em>Während Read keusch lebt und ihre Tarnung gut aufrecht erhält, hat Anne Bonny mit Jack Rackham eine Affäre, wird mehrfach schwanger, bringt Kinder zur Welt, wofür sie eine Weile an Land geht und kehrten immer wieder an Bord zurück. Und spannend ist natürlich der Moment, sind wir so schon am Ende des Mythos, als Anne Bonnys promiskuitive Natur durchkommt sozusagen, die Johnson ihr zuschreibt, dass sie sich in die junge Mary Reed verliebt, den sie als Mann ansieht, sich enttarnt als Frau und eine Affäre neben der Beziehung zu Rackham mit ihm führen möchte. Mary Read aber sofort zurückenttarnt und sagt: Ich bin eine Frau. Und danach sind die die beiden dann nur Bordkameradinnen, Freundinnen.</em></p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Anne Bonny und Mary Read bedienen zwei verschiedene Klischeerollen von Frauen für das Publikum von Johnsons Piratengeschichte: Die keusche, sexuell enthaltsame Mary Read, die auf den richtigen Mann wartet und die unmoralische verdorbene Anne Bonny. Der Löwenanteil des Kapitels über Anne Bonny behandelt ihre Mutter - die auch schon eine unmoralische Frau gewesen sei. Woher auch immer der Autor das zu wissen glaubt.</p> <p> </p> <p>MUSIK 4 „On the Beach“ <em>ab 00:25</em></p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(aburteilend)</em></p> <p>Dementsprechend ist Anne ein uneheliches Kind…</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(parteiisch)</em></p> <p>…hat gegen den Willen ihres Vaters einen Seemann geheiratet…</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(ablehnend)</em></p> <p>…den sie sitzen lässt, nachdem sie ein Dienstmädchen mit einem Buttermesser erstochen und einen Mann krankenhausreif geschlagen hat.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(protestierend)</em></p> <p>Weil der versucht hat, sie zu vergewaltigen.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Was damals als verworfen und böse galt, werten wir heute teilweise als berechtigt, als emanzipiert, sogar heldinnenhaft. Frauen in Männerkleidung waren als literarische Figuren schon Anfang des 18. Jahrhunderts keineswegs unbekannt. In Liedern, Flugblättern und Geschichten ziehen Frauen zeitweise in den Krieg oder fahren zur See. </p> <p> </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p> </p> <p>07 O-Ton Karstens (16:08)</p> <p><em>Und da geht es immer um die Frage das sind Ausnahmen. Wie passiert das? Wie kommt es zu dieser Ausnahme? Und das Ziel ist aber immer am Ende, diese Ausnahme wieder einzufangen, damit es kein Appell zur Rebellion, kein Aufruf zum Bruch mit den Normen ist, sondern letztlich die Ausnahme die Norm wieder bestätigt. Das ist für diesen Topos an Literatur, für dieses Genre, für die Geschichten, sehr wichtig und das macht Johnson letztlich auch mit seinen Figuren.</em></p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(leicht triumphierend)</em></p> <p>Figuren! Also Erfindung! Piratinnen, lesbischen Heldinnen, Abenteurerinnen, Entdeckerinnen: nichts weiter als Mythen!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Aber weshalb interessiert uns diese Mythen heute? Wie kam es zum Mythos von den Pirate Queens? Und wann hat es angefangen?</p> <p> </p> <p>08 O-Ton Karstens (21:09) </p> <p><em>Ich glaube, damit ein Mythos gut funktioniert, braucht es den besonderen Anreiz eines wahren Kerns. Aber es braucht genug Unschärfen, Unsicherheiten, genug Lücken, die Spekulationen zulassen und vielleicht sogar schon eine Geschichte von tollen, spannenden Spekulationen. Und das kommt hier bei diesen Fällen schon 1724 bei Johnson zusammen; also der Geburtsstunde der medialen Präsenz dieser beiden Akteurinnen. Da haben wir bereits einen Mythos in Reinkultur.</em></p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(engagiert)</em></p> <p>Ein Mythos mit einem wahren Kern: Die Piratinnen haben gelebt, geliebt und gekämpft.</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(ablehnend)</em></p> <p>Aber schon <em>die</em> Quelle schlechthin, Johnsons „History of the Pyrates“ eine Ansammlung von Gerüchten, Erfindungen – fragwürdig und unzuverlässig.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Wir haben weder von Anne Bonny noch von Mary Read ein Tagebuch, einen Brief, nicht einmal einen Eintrag im Bordbuch. Aber es gibt einen 45 Seiten umfassenden Prozessbericht: Gerichtsprotokolle über die Anklage, Zeugenaussagen und Beschreibungen des Verhaltens der beiden angeklagten Piratinnen. Der Prozess findet am 29. November 1721 statt nachdem Käpt’n Rackham und die anderen männlichen Piraten bereits abgeurteilt worden sind.</p> <p> </p> <p>09 O-Ton Karstens (21:09)</p> <p><em>William Morris, der königliche Ankläger verliest die gesamten Anklagepunkte. Und bemerkenswert ist: Es werden ihnen exakt die gleichen Sachen vorgeworfen, die gleichen Delikte und Verbrechen, wie der männlichen Crew. Es gibt keine Anklage – wie es manche Leute behaupten - weil sie Männerkleidung getragen hätten oder so etwas. Das ist nicht justiziabel für das Marinegericht, das da tätig wird. Für die geht es um Bildung einer verbrecherischen Vereinigung, Seeraub, Gewaltausübung, Nötigung und solche Delikte.</em></p> <p> </p> <p>MUSIK 5 A Nation of Thieves</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Das Gericht verurteilt beide zum Tode.</p> <p> </p> <p>SPRECHER</p> <p>Woraufhin beide Frauen erstmals erwähnen, dass sie schwanger sind. </p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Sie bitten um einen Aufschub bis zur Entbindung. </p> <p> </p> <p>SPRECHEER</p> <p>Das war damals durchaus üblich in solchen Fällen. </p>
Chapters (4)
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Literatur
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Besondere Empfehlung der Redaktion
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Identifying Maritime Women in the Age of Sail — Der Forschungsblog von Historiker Simon Karstens, auf dem er gut verständlich in einzelnen Artikeln u. a. die historischen Quellen zu den legendären "Pirate Queens" ausgewertet hat
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<p>Sie sind Mythos: "Pirate Queens", Seeräuberinnen, der Schrecken der Karibik. Es gab sie wirklich, sie waren reale Personen in der Geschichte der Piraterie. Als Abenteurerinnen, Kämpferinnen für Frauenrechte und leidenschaftliche Liebhaberinnen sind sie zu Ikonen der Popkultur geworden. Autor: Frank Halbach </p><p><strong>Credits</strong><br/> Autor dieser Folge: Frank Halbach <br/> Regie: Frank Halbach<br/> Es sprachen: Katja Bürkle, Sophie Rogall und Sven Hussock <br/> Technik: Lorenz Kersten<br/> Redaktion: Katharina Hübel </p> <p><strong>Im Interview:</strong></p> <p>- PD Dr. phil. habil. Jan Simon Karstens, Deutsches Historisches Institut Paris; Leiter des Forschungsprojekts Seefahrende und Seereisende Frauen in der Frühen Neuzeit und Autor <br/> <br/></p> <p><strong>Literatur: </strong></p> <p>- Simon Karstens: „Pirate Queens?” Was uns historische Quellen über Mary Read und Ann Bonny verraten – und was nicht. Identifying Maritime Women in the Age of Sail. Abgerufen am 14. Mai 2025 von https://doi.org/10.58079/vb7g</p> <p>(sehr differenzierte Auseinandersetzung mit den Quellen und wie ein Mythos daraus entstand)</p> <p>- Robert Bohn: Die Piraten. München 2020.</p> <p>(Schilderung der der Wirklichkeit des Piratenlebens im Goldenen Zeitalter der Seeräuberei)</p> <p>- Captain Charles Johnson: „Umfassende Geschichte der Räubereien und Mordtaten der berüchtigten Piraten. Frankfurt am Main 1982.</p> <p>(Die ebenso umstrittene wie bedeutsame Schilderung der Geschichte von Anne Bonny und Mary Read, die sie zum Mythos gemacht hat.</p> <br/> <p><strong>Besondere Empfehlung der Redaktion:</strong></p> <p><strong>Frauengeschichte:</strong></p> <p>Wenn ihr euch für noch mehr spannende und überraschende Frauengeschichten interessiert, dann können wir euch den BR-Instagram-Kanal FrauenGeschichte empfehlen. Den findet ihr hier: <a title="https://www.instagram.com/frauen_geschichte/" href="https://www.instagram.com/frauen_geschichte/">https://www.instagram.com/frauen_geschichte/</a>. Und den Podcast zum FrauenGeschichte-Kanal findet ihr in der ARD Audiothek: Ein Zimmer für uns allein: <a title="https://www.ardaudiothek.de/sendung/ein-zimmer-fuer-uns-allein/urn:ard:show:0901ee64e854603b/" href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/ein-zimmer-fuer-uns-allein/urn:ard:show:0901ee64e854603b/">https://www.ardaudiothek.de/sendung/ein-zimmer-fuer-uns-allein/urn:ard:show:0901ee64e854603b/</a></p> <p> </p> <p><strong>Hörspiel-Podcast über Anne Bonny beim WDR:</strong></p> <p>Ihr wollt mehr über die wohl berühmteste Piratin der Karibik erfahren? Der Hörspiel-Podcast „Anne Bonny. Die Piratin“ erzählt ihre Lebensgeschichte als großes Abenteuer-Epos:<br/> <a href="https://www1.wdr.de/radio/hoerspiel/podcast/annebonny/index.html">Anne Bonny. Die Piratin - Infos und Hintergründe - Hörspiel - Radio - WDR</a></p> <p><br/></p> <p><strong>Linktipps:</strong></p> <p>Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an <a href="mailto:radiowissen@br.de">radiowissen@br.de</a>.</p> <p>Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/> ARD Audiothek | Radiowissen<br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/"><strong>JETZT ENTDECKEN</strong></a><strong></strong></p> <p><strong><a title="Hier geht es zur Folge" href="https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/die-superheldin-patriarchales-konstrukt-oder-popstar/bayern-2/94667434/">Die Superheldin - Patriarchales Konstrukt oder Popstar?</a></strong></p> <p> Als Wonder Woman, Black Widow oder Catwoman ist sie heute Teil der Popkultur: Die Superheldin. Doch bis heute ist sie nicht frei von patriarchalen Konstrukten: Sie muss erotisch sein und friedfertig. „Weiblich“ eben – oder verlieren. Fragt sich, wie lange die Superheldin sich das noch gefallen lassen wird.</p> <p><strong><a title="Hier geht es zur Folge" href="https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:publication:a51f93201e5e1a55/">Emma Goldman - Anarchie, Freiheit und Frauenrechte</a></strong></p> <p>Die radikale Aktivistin Emma Goldman hat für Anarchie, Freiheit und Frauenrechte gekämpft. Sie war Zeugin der Russischen Revolution von 1917 und nahm 1936 am Spanischen Bürgerkrieg teil. Eine herausragende Persönlichkeit in ihrer Zeit – und nach wie vor eine Ikone, die auf T-Shirts gedruckt wird.</p> <p><strong><a title="Hier geht es zur Folge" href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/frauen-auf-raedern-wie-radfahren-frauen-emanzipierte/2094888">Frauen auf Rädern - Wie Radfahren Frauen emanzipierte</a></strong></p> <p>Fahrradfahren – und Feminismus. Zwei Themen die auf den ersten Blick wenig zusammenpassen. Doch Ende des 19. Jahrhunderts war es eine Revolution, dass auch Frauen sich aufs Bicycle schwingen wollten. Das passte ganz und gar nicht zum gesellschaftlich erwünschten Bild der schwachen Frau.</p> <p><a title="EXTERN" href="https://womensail.hypotheses.org/"><strong>Identifying Maritime Women in the Age of Sail</strong></a></p> <p>Der Forschungsblog von Historiker Simon Karstens, auf dem er gut verständlich in einzelnen Artikeln u. a. die historischen Quellen zu den legendären „Pirate Queens“ ausgewertet hat</p> <p>Das vollständige Manuskript gibt es <a title="Hier geht es zum Manuskript." href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/radiowissen-manuskripte-pirate-queens-unter-totenkopfflagge-anne-bonny-karibik-piratin-100.html"><strong>HIER</strong></a>.</p> <p>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:</p> <p>SPRECHERIN </p> <p>In die Wanten, ihr faulen Nichtsnutze! Sonst mach ich euch mit der Neunschwänzigen Beine! Hisst die schwarze Flagge und setzt die „Revenge“ vor den Wind. <em>(Peitschenknallen) </em></p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Die Karibik Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts: Das Goldene Zeitalter der Piraterie.</p> <p> </p> <p><em>ATMO </em><em>hoch</em></p> <p><em> </em></p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bringt sie längsseits! Versetzen wir ihnen eine Breitseite! Kanonen - Feuer!</p> <p><em> </em></p> <p><em>Geräusch Kanonendonner, -einschläge, Seegefecht</em></p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Es ist eine Zeit, um die sich viele Abenteuer und Legenden ranken. Aber auch eine Zeit, in der Piraten tatsächlich massiv die Meere unsicher machten. Der spanische Erbfolgekrieg schlägt auch Wellen auf den Ozeanen: Freibeuter sind im Interesse Englands auf der Jagd nach spanischen Schatzschiffen - der legendären Silberflotte, die voll beladen und begleitet von Kriegsschiffen zurücksegelt nach Europa. Offene Piraterie beim Überfall auf Sklavenschiffe. Seeräuber, die alle vorherrschenden Konventionen über Rasse, Klasse, Nation und Geschlecht in Frage stellten, verklärt zu einer heldenhaften und ruhmreichen Kameradschaft im herrschaftsfreien Raum der hohen See</p> <p> </p> <p>ATMO <em>hoch Seeschlacht, Entern</em> </p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Alles klar zum Entern! Vorwärts Männer! Folgt Eurer Kapitänin! <em>(schwingt sich vom Schiff) </em>Aiiiiiiii!</p> <p> </p> <p>ATMO <em>hoch dann ganz leise blenden; </em>MUSIK 1 <em>langsam</em> <em>überblenden in</em> MUSIK 2 <em>„Trinkt aus Piraten, yo-ho“</em></p> <p><em> </em></p> <p>SPRECHER</p> <p>Ähm. Kapitänin? Seeräuberromantik schön und gut – aber: Piratinnen? Das ist ja jetzt wirklich unglaubwürdig - Woke Erfindungen der Popkultur!</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Von wegen, du Landratte! Es gab sie wirklich: Die „Piratinnen der Karibik". </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Sogar ihre Namen kennen wir aus historischen Quellen – und in ebensolche musste es erstmal überhaupt eine Frau schaffen Anfang des 18. Jahrhunderts: Anne Bonny und Mary Read waren legendär. Sie erlangten in der Piratenszene nicht nur als gewöhnliche Seeräuberinnen Ruhm, sondern sie galten sogar als berüchtigte Anführerinnen und Kapitäninnen </p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Der Schrecken aller Gouverneure – Sie waren die Pirate Queens, die Piratenköniginnen!</p> <p> </p> <p><em>MUSIK</em></p> <p> </p> <p><em>darüber</em> SPRECHER <em>(abschätzig)</em><em></em></p> <p>Die Piratinnen der Karibik! Aufgebauschtes Seemannsgarn! Lächerlich.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Nein! Eine wahre Geschichte! Die viele Menschen auch heute noch inspiriert. </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Die Piratinnen Anne Bonny und Mary Read sind Heldinnen der 38 Episoden umfassenden US-Fernseh-Serie „Black Sails“…</p> <p>SPRECHER<em> (spöttisch)</em></p> <p>…die die Vorgeschichte zu Robert Louis Stevenson haarsträubenden Abenteuerroman „Die Schatzinsel“ erzählt. Alles nur ausgedacht. Eine imaginäre Welt!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Sie sind die Hauptfiguren im Hörspiel-Podcast des WDR „Anne Bonny. Die Piratin“.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Die wahre Geschichte der berühmtesten Piratin der Karibik!</p> <p> </p> <p>SPRECHER</p> <p>Wahr! Nie im Leben!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Die Piratinnen sind die Protagonistinnen von…</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(unterbrechend, abwertend)</em></p> <p>Spielfilmen, Comics und Abenteuerromanen!</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(auftrumpfend)</em></p> <p>Von Fernsehdokumentationen, Sachbüchern und Biographien.</p> <p>ERZÄHLERIN <em>(vermittelnd)</em></p> <p>Die Pirate Queens, die Piratinnen der Karibik, Anne Bonny und Mary Read – echte Menschen? Reale Figuren der Geschichte? Oder Fiktion, Fantasieprodukte, Mythos?</p> <p><em> </em></p> <p><em>MUSIK ENDE</em></p> <p><em> </em></p> <p>01 O-Ton Karstens </p> <p><em>Ja, Read und Bonny, die hat es gegeben. Sie wurden nachweislich von der Obrigkeit gejagt, sie haben Menschen überfallen, sie sind gefangen genommen worden und von einem Gericht rechtskräftig zum Tode verurteilt worden. All das wissen wir und können wir beweisen.</em> </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Sagt der Historiker Dr. Simon Karstens, der sich eingehend mit den Piratinnen befasst hat In einem Forschungsprojekt am Deutschen Historischen Institut Paris untersucht er Seefahrende und Seereisende Frauen in der Frühen und er betreibt einen Forschungsblog zu dem Thema. Zu Mary Read und Anne Bonny. </p> <p><strong> </strong></p> <p>02 O-Ton Karstens </p> <p><em>Bereits direkt nachdem sie gestorben sind, ist ein Mythos über sie entstanden. Eine Geschichte, die selbst eine Geschichte hat, eine Legende mit Vergangenheit sozusagen. Und dieser Mythos ist fast genauso alt wie sie selbst. Und an dem Mythos ist nicht unbedingt so viel Wahres dran.</em></p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Simon Karstens untersucht die Präsenz und Bedeutung historischer Akteurinnen in maritimen Räumen einerseits und die Konstruktion von Geschlechterrollen und -grenzen andererseits..</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(engagiert)</em></p> <p>Und er bestätigt, dass es die Piratinnen gegeben hat.</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(abwiegelnd)</em></p> <p>Und dass an der Geschichte um sie nicht viel Wahres dran ist.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Eine Legende, die eine Geschichte hat. Und sie beginnt mit einem Buch, das seinerzeit ein Bestseller war und unser Bild von Piraten bis heute prägt: Charles Johnson’s „A General History of the Pyrates” – „eine allgemeine Geschichte der Piraten“ aus dem Jahr 1724.</p> <p> </p> <p>03 O-Ton Karstens </p> <p><em>Wir wissen nicht mal, wer der Autor tatsächlich ist. ((Es gab da lange Zeit Theorien, ob vielleicht Daniel Defoe, der Autor von unter anderem berühmten Geschichten auch über Seefahrt und Piraterie eine Rolle gespielt hat. Aber das gilt als widerlegt. Und es gibt viele Überlegungen, aber es war ein Pseudonym. Wir wissen nicht, wer der Autor ist.)) Belegen können wir den Herausgeber Charles Rivington, der in London für das Marketing zuständig war, mit dem Buch auch das ganze Geld verdient hat.</em></p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Als Verleger ahnte er, dass seine Leser sich für Piratinnen besonders interessieren würden.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>„Frauen an Bord“ – so gut wie immer präsentiert als freiheitsliebende Piratin oder Piratenbraut – sind seit dem 18. Jahrhundert ein etabliertes Element in den populären Medien – von Flugschriften und frühen Historienwerken damals über Romane und Opern bis zu den Filmen und Computerspielen von heute. Es hat sich einfach schon immer gut verkauft – es klingt nach Skandal, nach Faszinosum – die Bildzeitungs-Headlines von damals eben.</p> <p>Dementsprechend warb Rivington auf dem Titelblatt mit der sensationellen Geschichte der beiden Frauen.</p> <p> </p> <p>((SPRECHER</p> <p>Dazu griff er tief in die Klamottenkiste der Klischees, beziehungsweise dachte sich gleich einfach etwas aus, von dem er glaubte, dass es sich gut verkaufen würde.))</p> <p> </p> <p>04 O-Ton Karstens </p> <p><em>Die Werbung verspricht eigentlich mehr, als das Buch dann hält. Und wenn wir ein bisschen darüber reden, was für einen Mythos er selber schon spinnt, der Johnson, was für eine Geschichte er erzählt, dann finde ich es total spannend zu sehen, wie wichtig für Johnson ist, zu erklären, warum diese Frauen Piratinnen wurden. ((Die Vorgeschichte, das Leben, sogar die Eltern und die Moral der Eltern sind für ihn viel wichtiger, als die Piratentaten, auf die heute jeder gucken würde.)) Er will sein Publikum erklären, warum Frauen Verbrecherinnen geworden sind und für eine Weile die Geschlechtergrenzen ihrer Zeit in Frage gestellt haben. Und das ist komplett geprägt von dem Wertesystem, von den moralischen Konventionen seiner Zeit, dem ist alles ein- und zugeordnet.</em></p> <p> </p> <p><em>MUSIK 3 </em><em>„Black Sails Theme and Variations“</em><em></em></p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(herausfordernd)</em></p> <p>Frauen, die es wagen alle Normen und Konventionen in Frage zu stellen. Im 18. Jahrhundert! Die eine Gesellschaft herausfordern, der der Aufstieg von Frauen zu Anführerinnen, Kapitäninnen, Piratenköniginnen ein Dorn im Auge ist!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Eine Einordnung als Anführerin, Kapitänin oder gar als Piratenkönigin ist laut Simon Karstens unbelegbar und unzutreffend. Aber ist es für Frauen im 18. Jahrhundert nicht Leistung genug, vollwertiges Mitglied einer Seeräubercrew zu sein?</p> <p> </p> <p>05 O-Ton Karstens </p> <p><em>Die Frauen sind den Männern, wenn sie mal die Männerkleidung anlegen völlig ebenbürtig. Beide Frauen sind also an Bord Teil der Bordgemeinschaft</em></p> <p> </p> <p>ATMO <em>Säbelgefecht</em></p> <p>SPRECHERIN <em>(intensiv)</em></p> <p>"Die beiden Frauen trugen Männerjacken und lange Hosen und um den Kopf gebundene Taschentücher; jede von ihnen hatte eine Machete und eine Pistole in der Hand." </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>So beschreibt eine Zeugenaussage die beiden Piratinnen im Prozessbericht von 1721. Einem Prozess, bei dem sie ihrer Verbrechen angeklagt wurden.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(begeistert)</em></p> <p>Sie waren Heldinnen feministischer Emanzipation und des Crossdressing.</p> <p> </p> <p>ATMO ENDE</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(abwiegelnd)</em></p> <p>Man kam in der Gesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts in Männerkleidern einfach besser durch als in Frauengewändern, zumal auf einem Schiff.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(überschwänglich) </em></p> <p>Und beide liebten einander: Sie waren Female Pirate Lovers, Vorkämpferinnen lesbischer Liebe und fochten für Freiheit und gegen Ausgrenzung.</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(nüchtern)</em></p> <p>Lesbische Liebe, offen gelebt? Vorkämpferinnen für die Lgbtqi-Community im 18. Jahrhundert? Und dann noch female leadership? Dein Ernst? </p> <p> </p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Von einer romantischen oder sexuellen Beziehung zwischen beiden Frauen ist in den Quellen in der Tat nirgendwo die Rede. </p> <p> </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p> </p> <p>06 O-Ton Karstens (11:43)</p> <p><em>Während Read keusch lebt und ihre Tarnung gut aufrecht erhält, hat Anne Bonny mit Jack Rackham eine Affäre, wird mehrfach schwanger, bringt Kinder zur Welt, wofür sie eine Weile an Land geht und kehrten immer wieder an Bord zurück. Und spannend ist natürlich der Moment, sind wir so schon am Ende des Mythos, als Anne Bonnys promiskuitive Natur durchkommt sozusagen, die Johnson ihr zuschreibt, dass sie sich in die junge Mary Reed verliebt, den sie als Mann ansieht, sich enttarnt als Frau und eine Affäre neben der Beziehung zu Rackham mit ihm führen möchte. Mary Read aber sofort zurückenttarnt und sagt: Ich bin eine Frau. Und danach sind die die beiden dann nur Bordkameradinnen, Freundinnen.</em></p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Anne Bonny und Mary Read bedienen zwei verschiedene Klischeerollen von Frauen für das Publikum von Johnsons Piratengeschichte: Die keusche, sexuell enthaltsame Mary Read, die auf den richtigen Mann wartet und die unmoralische verdorbene Anne Bonny. Der Löwenanteil des Kapitels über Anne Bonny behandelt ihre Mutter - die auch schon eine unmoralische Frau gewesen sei. Woher auch immer der Autor das zu wissen glaubt.</p> <p> </p> <p>MUSIK 4 „On the Beach“ <em>ab 00:25</em></p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(aburteilend)</em></p> <p>Dementsprechend ist Anne ein uneheliches Kind…</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(parteiisch)</em></p> <p>…hat gegen den Willen ihres Vaters einen Seemann geheiratet…</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(ablehnend)</em></p> <p>…den sie sitzen lässt, nachdem sie ein Dienstmädchen mit einem Buttermesser erstochen und einen Mann krankenhausreif geschlagen hat.</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(protestierend)</em></p> <p>Weil der versucht hat, sie zu vergewaltigen.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Was damals als verworfen und böse galt, werten wir heute teilweise als berechtigt, als emanzipiert, sogar heldinnenhaft. Frauen in Männerkleidung waren als literarische Figuren schon Anfang des 18. Jahrhunderts keineswegs unbekannt. In Liedern, Flugblättern und Geschichten ziehen Frauen zeitweise in den Krieg oder fahren zur See. </p> <p> </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p> </p> <p>07 O-Ton Karstens (16:08)</p> <p><em>Und da geht es immer um die Frage das sind Ausnahmen. Wie passiert das? Wie kommt es zu dieser Ausnahme? Und das Ziel ist aber immer am Ende, diese Ausnahme wieder einzufangen, damit es kein Appell zur Rebellion, kein Aufruf zum Bruch mit den Normen ist, sondern letztlich die Ausnahme die Norm wieder bestätigt. Das ist für diesen Topos an Literatur, für dieses Genre, für die Geschichten, sehr wichtig und das macht Johnson letztlich auch mit seinen Figuren.</em></p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(leicht triumphierend)</em></p> <p>Figuren! Also Erfindung! Piratinnen, lesbischen Heldinnen, Abenteurerinnen, Entdeckerinnen: nichts weiter als Mythen!</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Aber weshalb interessiert uns diese Mythen heute? Wie kam es zum Mythos von den Pirate Queens? Und wann hat es angefangen?</p> <p> </p> <p>08 O-Ton Karstens (21:09) </p> <p><em>Ich glaube, damit ein Mythos gut funktioniert, braucht es den besonderen Anreiz eines wahren Kerns. Aber es braucht genug Unschärfen, Unsicherheiten, genug Lücken, die Spekulationen zulassen und vielleicht sogar schon eine Geschichte von tollen, spannenden Spekulationen. Und das kommt hier bei diesen Fällen schon 1724 bei Johnson zusammen; also der Geburtsstunde der medialen Präsenz dieser beiden Akteurinnen. Da haben wir bereits einen Mythos in Reinkultur.</em></p> <p> </p> <p>SPRECHERIN <em>(engagiert)</em></p> <p>Ein Mythos mit einem wahren Kern: Die Piratinnen haben gelebt, geliebt und gekämpft.</p> <p> </p> <p>SPRECHER <em>(ablehnend)</em></p> <p>Aber schon <em>die</em> Quelle schlechthin, Johnsons „History of the Pyrates“ eine Ansammlung von Gerüchten, Erfindungen – fragwürdig und unzuverlässig.</p> <p> </p> <p>ERZÄHLERIN</p> <p>Wir haben weder von Anne Bonny noch von Mary Read ein Tagebuch, einen Brief, nicht einmal einen Eintrag im Bordbuch. Aber es gibt einen 45 Seiten umfassenden Prozessbericht: Gerichtsprotokolle über die Anklage, Zeugenaussagen und Beschreibungen des Verhaltens der beiden angeklagten Piratinnen. Der Prozess findet am 29. November 1721 statt nachdem Käpt’n Rackham und die anderen männlichen Piraten bereits abgeurteilt worden sind.</p> <p> </p> <p>09 O-Ton Karstens (21:09)</p> <p><em>William Morris, der königliche Ankläger verliest die gesamten Anklagepunkte. Und bemerkenswert ist: Es werden ihnen exakt die gleichen Sachen vorgeworfen, die gleichen Delikte und Verbrechen, wie der männlichen Crew. Es gibt keine Anklage – wie es manche Leute behaupten - weil sie Männerkleidung getragen hätten oder so etwas. Das ist nicht justiziabel für das Marinegericht, das da tätig wird. Für die geht es um Bildung einer verbrecherischen Vereinigung, Seeraub, Gewaltausübung, Nötigung und solche Delikte.</em></p> <p> </p> <p>MUSIK 5 A Nation of Thieves</p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Das Gericht verurteilt beide zum Tode.</p> <p> </p> <p>SPRECHER</p> <p>Woraufhin beide Frauen erstmals erwähnen, dass sie schwanger sind. </p> <p> </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Sie bitten um einen Aufschub bis zur Entbindung. </p> <p> </p> <p>SPRECHEER</p> <p>Das war damals durchaus üblich in solchen Fällen. </p>