Selbstsabotage - Warum wir uns selbst so oft ausbooten
Radiowissen
Im Interview
- Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg
- Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP)
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Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nützt
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion
Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch „Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
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Credits
- Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer
- Regie: Susi Weichselbaumer
- Es sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter Weiß
- Redaktion: Susanne Poelchau
Raw Description
<p>Die Angst davor in der Prüfung zu versagen, ist so groß, dass man sich zig Termine in den Kalender packt und keine Zeit mehr zum Lernen hat. Ein typischer Fall von Selbstsabotage. Was steckt dahinter - und wie kann man aufhören, sein größtes eigenes Hindernis zu sein? Von Susi Weichselbaumer</p><p><strong>Credits</strong><br/> Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer<br/> Regie: Susi Weichselbaumer<br/> Es sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter Weiß<br/> Redaktion: Susanne Poelchau</p> <p><strong>Im Interview:<br/></strong>Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg<br/>Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP)</p> <p><br/> <strong>Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:</strong></p> <p><strong>Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nützt<br/><a title="Hier geht es zum Podcast." href="https://www.ardaudiothek.de/episode/wie-wir-ticken-euer-psychologie-podcast/prokrastination-wann-aufschieben-schadet-und-wann-es-nuetzt/ard/94813846/">JETZT ENTDECKEN</a></strong></p> <p><strong>Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:</strong></p> <p><strong>Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast</strong><br/> Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? 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Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.<br/> <a title="Hier geht es zum Podcast." href="https://1.ard.de/wie-wir-ticken"><strong>ZUM PODCAST</strong></a></p> <p>Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an <a href="mailto:radiowissen@br.de">radiowissen@br.de</a>.</p> <p>Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/> ARD Audiothek | Radiowissen<br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/"><strong>JETZT ENTDECKEN</strong></a><strong></strong></p> <p>Das vollständige Manuskript gibt es <a title="Hier geht es zum Manuskript." href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/manuskript-radiowissen-selbstsabotage-selbstmanipulation-psychologie-prokrastination-100.html"><strong>HIER</strong></a>.</p> <p>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:<br/></p> <p>ZITATORIN</p> <p></p> <p>Am Abend vor der Klausur war die Geburtstagsparty meiner besten Freundin. </p> <p>ZITATOR</p> <p>Es war null Zeit, die Präsentation für die Führungskräfte vorzubereiten. Für auf den letzten Drücker lief es puh: Okay.</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Dieser Fahrprüfer lässt Frauen grundsätzlich durchfallen. Auch wenn ich dem protzigen SUV nicht die Vorfahrt genommen hätte… </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER</p> <p>Die Klausur gerade mal knapp bestanden? </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Der Job Großraumbüro statt Chefetage? </p> <p>SPRECHER</p> <p>Die Fahrerlaubnis nicht erteilt? Der Pfad zum Erfolg ist gepflastert mit Hindernissen. </p> <p>MUSIK </p> <p>ZITATOR</p> <p>Das Schicksal arbeitet gegen mich. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Heute ist nicht mein Tag.</p> <p>ZITATOR</p> <p>Die ganze Woche ist nicht meine Woche – </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Mein ganzes Leben ist nicht mein Leben.</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER</p> <p>Das Wetter, der öffentliche Nahverkehr, die grantige Nachbarin –</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Möglicherweise steht man sich aber auch selbst im Weg. Durch die Art und Weise wie man Dinge angeht oder versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Jedenfalls sicher gilt: Allein ist man als Sich-Selbst-Blockierender nicht. Die Ratgeberregale in den Buchhandlungen stehen voll mit Literatur zum Thema „Selbstsabotage“. In Social Media wird das Phänomen in diversen Facetten diskutiert. Das Internet bietet zig Fragebogen: </p> <p>ZITATOR</p> <p>Wann sabotierst Du Dich selbst?</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Warum sabotierst Du Dich? </p> <p>ZITATOR</p> <p>Weswegen solltest Du das lassen?</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Wie änderst Du Dich – und damit alles?</p> <p>MUSIK ENDE </p> <p>SPRECHER</p> <p>Das Problem ist bloß: Was in bunten Bänden und auf knalligen Lifestyle-Webseiten angeboten wird, fällt aus wissenschaftlicher Sicht größtenteils in die Kategorie „Küchenpsychologie“. Und: Der Begriff „Selbstsabotage“ für jedwedes, was man sich selbst so in die Bahn werfen oder als Ausrede anführen könnte? Wohl eher ein Modewort: </p> <p>1 ZU Goldmann 0.00</p> <p>Wenn ich jetzt an Sabotage denke, da denke ich an Gleise, an Züge, an jemand, der Kabel in Brand steckt. Es ist ein bewusster Akt. Sabotage ist auch in gewisser Weise, ein gewalttätiger Akt. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Erklärt Dr. Ulrich Goldmann. Er leitet den Bereich Psychotherapie am MUNIP, dem Münchner Universitären Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie. </p> <p>2 ZU Goldmann 0.00</p> <p>In der Psychologie wird mehr im Englischen der Begriff „Self-Handicapping“ hergenommen, also „Selbstbehinderung“ übersetzt. Das ist etwas milder. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Selbstbehinderung gilt nicht als klinische Diagnose, Krankheit oder Persönlichkeitsstörung. Die Wissenschaft sammelt unter dem Begriff eine ganze Reihe an Verhaltensmustern. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erfolgschancen bewusst oder unbewusst selbst vermindern. Generell. Oder lediglich in speziellen Zusammenhängen. Das Ziel dabei ist stets – und das klingt auf den ersten Blick paradox: Auf Biegen und Brechen den Selbstwert erhalten. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Sich keine Blöße geben, das Gesicht wahren – anderen und sich selbst gegenüber. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Die Gründe dafür und Strategien dabei faszinieren Forscher wie Malte Schwinger. Er ist Professor für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Studien zum Thema Selbstbehinderung gibt es inzwischen vor allem im Segment „Lernen und Ausbildung“. </p> <p>3 ZU Schwinger (0.09)</p> <p>Der Grundgedanke dahinter ist immer der, jemand hat Angst vor einer bestimmten Situation, einer bestimmten Bewertung. Das ist bei Studierenden, wo wir das viel untersuchen, häufig irgendeine Art Prüfung, eine Art Klausur. Und da ist die Sorge, dass das schiefgehen kann. Und wenn das schiefgeht, hat man Angst, dass das den Selbstwert bedrohen könnte, dass man sich danach als Person nicht gut fühlt als wertlos fühlt. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Die Lösung: </p> <p>SPRECHER</p> <p>Eine eventuelle negative Bewertung unbedingt ausschließen.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Und zwar schon im Vorfeld.</p> <p>4 ZU Schwinger (0.09)</p> <p>Wenn ich Angst habe, in der Klausur zu versagen, dann sollte ich mir irgendeine Ausrede zurechtlegen, die hinterher erklärt, warum ich nicht so gut war in der Klausur, das ist die Idee.</p> <p>MUSIK</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Das Radl hatte auf dem Weg einen Platten. </p> <p>ZITATOR</p> <p>Im Prüfungsraum war es wahnsinnig stickig. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Der Hund hat meine Vorbereitungsunterlagen gefressen.</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER </p> <p>Spannend dabei: Erklärungen dafür, warum es mit einer besseren Note in der Klausur nicht geklappt hat, suchen Selbst-Handicapper eher selten im Außen. </p> <p>Solche Rechtfertigungen gibt es schon auch. Aber: In der Regel sucht man die Erklärung bei sich: Darum wir ich nicht so toll. Oder konnte nicht so toll sein. Halskratzen und leichter Husten – plötzlich fühlt man sich damit richtig krank. Genauso erklärt man es den Studienkollegen. Der wesentliche Punkt bei alldem: Trotz schwerer Grippe tritt man zur Prüfung an. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Unter derlei Bedingungen muss man dann ja mehr als froh sein über ein gerade noch „bestanden“. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Es kann aber auch das ganz große Programm von „Ich-reite-mich-wo-richtig-rein“ sein, erzählt der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann aus dem Praxisalltag. </p> <p>5 ZU Goldmann 2.44</p> <p>Das sind so Situationen, die häufig genannt werden, wenn man zu spät ins Bett geht, viel Alkohol trinkt oder ausgeht und am nächsten Tag ausgesprochen müde ist, die Prüfung schreibt. Und wenn es dann schiefgeht, hat man eine fertige und stichhaltige Erklärung, warum es denn schiefgegangen ist und in der Psychologie, und da gibt es einige Experimente dazu, wird angenommen, dass das im Dienste dessen steht, dass es situativ, also auf die Situation bezogen, nicht geklappt hat, weil ich zu lange aus war. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER</p> <p>Der Grund des Scheiterns ist so nicht ehrenrührig und kratzt am Selbstwert. Man ist nicht etwa zu wenig intelligent, fachlich nicht geeignet – Nein! Die Partyeinladung ging einfach vor. Ehrensache. Lange ausgemacht. Freundschaftsdienst. Man ist eben ein Hecht.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Allerdings ein ziemlicher „Kurzfrist-Hecht“. </p> <p>6 ZU Schwinger 2.06</p> <p>Ja, das ist der Haken da dran, man bleibt tatsächlich eigentlich eher unzufrieden. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bilanziert der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. Für den Moment nach der Klausur nimmt so eine Ausflucht – da war diese Party - womöglich den Druck aus der akuten Situation. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Auf lange Sicht ist nichts gewonnen in Sachen angeknackster Selbstwert. Denn: Das ist der wunde Punkt. Die verletzliche Stelle. </p> <p>7 ZU Schwinger 2.06</p> <p>Die Angst resultierte ja vorher schon aus einer Erwartung, dass man das nicht kann. Und die wird natürlich durch dieses Schauspiel, was man da abgezogen hat, nicht anders. Also man ist weiterhin der Meinung, dass man es nicht kann. Und es hat ja, auch wenn man eine Ausrede hatte, keinerlei gegenteiliger Beweis stattgefunden. Das heißt wenn die nächste Prüfung ansteht, geht eigentlich alles von vorne los. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Ein Kreislauf, der einen irgendwann gefangen nimmt und den man mitunter gar nicht als solchen begreift, erinnert sich Rita. Sie will anonym bleiben. Nach Coaching und Therapie ist Rita inzwischen überzeugt:</p> <p>8 ZU Rita 8.40 </p> <p>Es ist sicher gut sich zu überlegen, will ich das oder nicht. Oder was will ich überhaupt? So. </p> <p>Das führt ja auch zu mehr Zufriedenheit. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Jahrelang war für Rita klar: Im Beruf will sie sich keine Patzer leisten, sondern perfekt sein und auch so wahrgenommen werden von ihrem Kollegenkreis, dem Chef. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Um mögliche Fehler im Vorfeld abzupuffern, überfrachtet sie sich mit Projekten. Springt überall ein. Hebt die Hand. Und ist im Team bald abonniert auf Zusatzaufgaben. Ein Verhalten, das Psychotherapeut Goldmann von einigen Klienten kennt. </p> <p>9 ZU Goldmann 04:10</p> <p>Jemand muss einen Vortrag halten und auf PowerPoint etwas machen. Und es gibt eine neue Version, und man hat noch nicht Zeit gehabt aufgrund der vielen, vielen anderen Aufgaben, die man hat, sich in die neue einzuarbeiten, weil noch diese Besprechung gestern war und man noch in dem Projekt XY engagiert ist. Das wären auch selbstwertdienliche Aussagen. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Auf den ersten Blick positive selbstwertdienliche Aussagen: Man ist vielbeschäftigt, hält alle Bälle in der Luft, auch die der Kollegen, deren Aufgaben man netterweise mit wuppt. Allein holt man die Kohlen aus dem Feuer und macht das Beste daraus. Auch wenn das dann nicht perfekt ist: Unter den gegebenen Umständen ist man über sich selbst hinausgewachsen. Für alle.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Aber halt auch ohne alle. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>10 ZU Goldmann 04:10</p> <p>Wenn man sich überlegt, wie man sich dann präsentiert vor anderen, kann man sich auch vorstellen, auf die Dauer erzeugt das jetzt auch nicht unbedingt ein günstiges Bild von sich selbst.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Ein häufiges Beispiel: Man legt die Latte erst hoch und bekommt anschließend Bammel, den Mund zu voll genommen zu haben. </p> <p>ZITATOR</p> <p>Klar promoviere ich. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Klappt die Stelle in Frankreich nicht, wechsle ich die Firma.</p> <p>ZITATOR</p> <p>Diese Frau wird mich heiraten. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>11 ZU Goldmann 5.52</p> <p>Wenn ich so ein Ziel konkret gegenüber anderen kommuniziere, bin ich auch eine Art Selbstverpflichtung eingegangen. Dann kann ich ohne Gesichtsverlust oder ohne Erklärung nicht mehr hinter mein Vorhaben zurück. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Irgendwann erkennt das auch Rita: Sie kommt – aus ihrer damaligen Perspektive – beruflich nicht vom Fleck. Trotz ihres Engagements an allen Ecken und Enden und obschon das Familie und Freunde von ihr zu erwarten scheinen. Im Team hat sie keinen Rückhalt, dabei reibt sich sich auf, um es den Kollegen und dem Chef recht zu machen, zuvorkommend und perfekt zu sein. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Perfektion ist ihre Richtschnur. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Elternhaus und Schule wünschten sich das Vorzeigekind. In späteren Beziehungen müht sich Rita, eine Musterpartnerin zu sein: Um jeden Preis perfekte Harmonie, totale Symbiose. Bloß: </p> <p>12 ZU Rita 2:04 </p> <p>Auf längere Sicht sieht man auch, dass es sich nicht unbedingt auszahlt, also von wegen, dass man Respekt dadurch bekommt. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Rita fängt an, genauer hinzuschauen: Was tut sie wann, um was damit zu erreichen? Und was ist tatsächlich das Resultat? </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Für viele kann eine ehrliche Selbstbeobachtung ein guter erster Schritt sein weg von den gewohnten selbstbehindernden Verhaltensmustern, empfehlen Therapeuten. Eine Paradelösung dafür, sich von heute auf morgen mal endlich nicht mehr selbst im eigenen Lebensweg zu stehen, gibt es nicht. Manchmal genügen offene Gespräche im engen Familien- oder Freundeskreis: Warum komme ich nicht ans Ziel, was meint ihr? </p> <p>SPRECHER</p> <p>Oft braucht es professionelle Untersützung: Veränderungscoaching. Gesprächstherapie, bei der man aufschlüsselt: Woher kommt mein innerer Druck, die häufige Unzufriedenheit und das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, des Ausgeliefertseins? </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Hierin liegt eine Crux. Denn: In gewisser Weise handelt man ja aktiv. Sucht und konstruiert Ausflüchte, Erklärungen. Dennoch bleibt da der Eindruck von: Ich muss noch mehr tun, mehr vorbeugen, weitere Vorkehrungen schaffen – falls es schlecht ausgehen sollte. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Dabei gilt: Selbstschädigendes Verhalten kann durchaus auf einen Bereich im Leben beschränkt sein und zieht sich nicht durch wie ein roter Faden. Wer in Prüfungssituationen den eigenen Erfolg torpediert, macht das nicht unbedingt auch bei Rendezvous oder ersten Dates. Wer sich im Job immer auf Festanstellungen bewirbt, für die er nicht geeignet ist, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er viel lieber Freiheit lebt als Karriere zu machen – wie alle erwarten: Der weiß vielleicht beim Fußball sehr wohl, dass er linkes Mittelfeld spielen will und sonst nichts. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Nach dem Motto: Schöner Scheitern. In der Sicht von außen auf mich, aber auch in der Innenperspektive.</p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Die Innenperspektive austricksen und zugleich nach außen positiv wirken – nicht wenige versuchen das über die Taktik: Sich nie festlegen. Spannende Zukunftspläne oder Beziehungsabsichten werden durchaus angedeutet. Doch konsequent bleibt man im Ungefähren. Anderen gegenüber und sich selbst. </p> <p>13 ZU Goldmann 5.52</p> <p>Wenn ich den Schluss fest fasse, dann kann ich auch scheitern. Wenn ich ihn nicht fasse, dann kann ich ja immer sozusagen mich drum herummogeln ein Scheitern einzugestehen.</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Ein Scheitern weniger schmerzhaft machen. Den Gesichtsverlust weniger groß. Das sind oft genannte Gründe für Selbstbehinderung. Ein ebenfalls bekannter Faktor, der jedoch weit schwerer dingfest zu machen ist: Ambivalente Motivation. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Das heißt: Man möchte mehrere Dinge gleichzeitig erreichen, die sich aber gegenseitig ausschließen. Oder man meint, jenes eine zu wollen, weil man es seit jeher wollte. Oder weil einen andere an der Stelle, in der Rolle etc. sehen. Oder weil jede Logik diesen nächsten Schritt - nun ja - logisch macht. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Innendrin würde eine leise Stimme etwas anderes sagen. Doch die umher sind lauter, überzeugender.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Logischer. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Jetzt hat er so lange studiert! </p> <p>ZITATOR</p> <p>Im Freundeskreis sind inzwischen alle verheiratet. Man muss auch erwachsen werden!</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Nach all den Jahren in der Firma gehört sie doch mal ins Management!</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>14 ZU Goldmann 7.03</p> <p>Führungsposition. Naja, das bringt Verschiedenes mit sich. Ich muss mehr arbeiten. Ich werde mehr Verantwortung haben. Ich werde auch nicht umhinkommen, unangenehme Gespräche zu führen, Leute vielleicht mal einzugrenzen, schlimmstenfalls vielleicht mal sogar disziplinarische Maßnahmen oder Ähnliches auszusprechen. Und es gibt Leute, die einfach Scheu davor haben. Und wenn das nicht bis ins Detail bewusst durchdacht ist, dann können das gegenteilige Motivationen sein, die so ein angebliches Ziel immer wieder ausbremsen, sodass die Ambivalenz, die unter der Oberfläche da ist, eigentlich von der Verwirklichung eines Zieles dann uns immer wieder abbringen kann.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Eigene Ambivalenzen zu erkennen und zuzugeben – das kann ein schwieriger Prozess sein, weiß Psychotherapeut Ulrich Goldmann. Zunächst hilft eine persönliche Kosten-Nutzen-Aufstellung: Was gefällt mir an diesem Job, diesem Lebensziel, an dieser Beziehung? Was nicht? Was traue ich mir im Bezug darauf zu? Was weniger?</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Dafür muss man reichlich ehrlich mit sich sein.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Und: Überhaupt bemerkt haben, dass man in so einer Ambivalenz feststeckt. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Rita stellt irgendwann fest: Die Angst davor, nicht perfekt zu sein oder nicht als perfekt wahrgenommen zu werden, reibt sie auf. Es tut ihr nicht gut, sich mit Arbeit zu überhäufen, ständig Zusatzprojekte anzunehmen, nur um zum Chef sagen zu können: „Es war drumherum noch derart viel anderes– 1000-prozentig ist es jetzt nicht geworden, aber unter den Umständen…“</p> <p>SPRECHER</p> <p>Jedoch: Ihr fehlt die eigene Mitte, aus der sie für sich Selbstwert schöpfen könnte. Den sucht sie in der Bestätigung von außen. </p> <p>15 ZU Schwinger (4.44) </p> <p>Natürlich sind Personen, die etwas unsicherer sind, etwas neurotischer sind, etwas geringeren Selbstwert haben gefährdeter, sich auch in ihrem Selbstwert bedroht zu fühlen. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Bestätigt der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. </p> <p>16 ZU Schwinger (4.44) </p> <p>Und da reichen schon Kleinigkeiten in der Umwelt, die dann so ein Verhalten auslösen.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Rita erkennt: Sie ist oft so damit beschäftigt, vorzubeugen und abzupuffern, dass jemand sie oder sie selbst sich nicht als „perfekt“ empfinden könnte, dass sie gar nicht weiß, was dieses „perfekt“ im Grunde meint und wohin es führen soll. Für sie ganz persönlich.</p> <p>17 ZU Rita (9.36) </p> <p>Was will ich? Mensch, alle wissen, was sie wollen. Aber wie finde ich denn raus, was ich will? Was sind meine Wünsche, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Da habe ich gedacht, okay, wie möchte ich sein?</p> <p>SPRECHER</p> <p>Rita hilft es, regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Was hat heute gut geklappt, was fühlte sich komisch an? Im Coaching nimmt sie sich wöchentlich neue Aufgaben vor: Ich traue mich „Nein“ zu sagen zu Zusatzaufgaben, konzentriere mich auf meine Arbeit. In diesem Rahmen werden für sie auch Fehler besprechbar. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Und siehe da: Manches, was sie als Fehler fürchtet oder als „nicht perfekt“ wertet, beurteilen andere weit weniger drastisch. Das Coaching macht Perspektiven auf. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Aber Achtung: Das klingt nach simpler Lösung für ein auf den ersten Blick vielleicht eh eher merkwürdig daherkommendes Selbstsabotage-Programm. So einfach ist es nicht. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Meist steckt da ein zäher und auch schmerzhafter Kampf dahinter. Ein dauernd wieder neues Austarieren des eigenen Selbstwerts. Den man – und das ist die Herausforderung – nicht aus sich selbst schöpft.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Sondern abhängig ist davon: Was schreiben andere mir zu?</p> <p>18 ZU Schwinger (6.21)</p> <p>Personen mit geringem Selbstwert, geringem Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, wählen dann meistens auch Aufgaben, die entweder sehr einfach sind, wo sie nicht scheitern können, oder Aufgaben, die viel zu schwer sind. Dann haben sie wieder einen Grund, warum sie gescheitert sind. Und diese Aufgaben, die eigentlich uns im Leben weiterbringen, die immer so einen Ticken schwerer sind, als dass wir glauben, das schaffen zu können, die uns dann eben zu unseren besten Leistungen anspornen, diese Aufgaben wählen solche Personen nicht.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Eine Entwicklung findet nicht statt. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Man bleibt in der Selbstbehinderungsspirale stecken. Ein weiterer typischer Mechanismus dabei: Chronische Aufschieberitis. Stets alles auf den letzten Drücker. Was immer unter solchen Umständen noch geschafft wird, muss als Erfolg verbucht werden, weil: Zumindest besser als nichts.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Der Fachbegriff für dieses ständige Hinausschieben ist Prokrastination. Und so Kavaliersdelikt-ig, wie es sich eben anhörte, ist das nicht unbedingt. Tatsächlich lassen solche Verhaltensweisen, sobald sie chronisch werden, Leben durchaus aus dem Ruder laufen. Das gilt für jegliche Art der Selbstbehinderung – wer sich über lange Zeit jeden Erfolg selbst verbaut, läuft etwa Gefahr in eine Depression zu geraten.</p> <p>19 ZU Goldmann (13:23)</p> <p>Natürlich kommen zu uns auch Leute, die schon länger Probleme mit der Zielverwirklichung haben. Und wenn mir das über Jahre nicht gelingt und da gibt es auch ein bisschen Forschung dazu, dann kann auch so etwas wie eine depressive Entwicklung stattfinden, weil es ist ja schließlich wirklich auch eine ganz wichtige Variable: Selbstwirksamkeit nennen wir die, dass wir etwas vorhaben, das versuchen zu gestalten. Und wenn das gelingt, dann ist es für unsere Psyche gut. Und wenn das permanent misslingt, dann ist es für unsere Psyche riskant. Und das wäre ein Faktor, der zur Entstehung von Depressionen beiträgt. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Deshalb rät der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann dazu, vorsichtig zu sein, mit schnellen Urteilen und Ratschlägen mal eben aus der Hüfte: </p> <p>ZITATOR</p> <p>Sei Dir nicht im Weg! </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Trau Dich einfach!</p> <p>ZITATOR</p> <p>Fang halt früher mit dem Lernen an!</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Gewohnte und für sich wenigstens phasenweise als hilfreich empfundene Strategien wirft niemand so schnell über Bord. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Vor allem dann nicht, wenn sie darauf abzielen, den Selbstwert positiv aufzuladen. </p> <p>20 ZU Goldmann (19:11)</p> <p>Manche sind auch so cool, dass sie mit ganz wenig Lernen nicht nur Vierer abstauben, sondern bessere Noten. Das habe ich mehrmals in der Praxis gehabt, dass dies in der Schule gut ging. Dann geht jemand in das Studium. Aber es geht im Studium überhaupt nicht mehr rundum, weil die Anforderungen wesentlich höher sind, wenn man sich für eine Prüfungsphase mit fünf Prüfungen am Ende des Semesters wirklich strukturiert vorbereiten muss und planen muss. Das geht dann nicht mehr mit aus dem Ärmel schütteln. Und dann wird es manchmal wirklich ziemlich eng.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Und frustrierend. Denn: Ausrede ist in dem neuen Umfeld nicht mehr. </p> <p>Ab da fordert das Leben ernsthafte Entscheidungen. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Wobei das nicht bedeuten muss: Ab jetzt nur noch Selbstgeißelung, Selbstabrechnung, gnadenlose Analyse des eigenen Ichs. Der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger ist überzeugt: In Maßen betrieben darf man durchaus auch mal das Wetter, den Professor mit seinen unverständlichen Fragen, die Welt oder das Universum an sich dafür verantwortlich machen, dass es die Klausur verhagelt hat. In der Psychologie spricht man von Self Serving Bias, auf Deutsch: Selbstwertdienliche Verzerrung. </p> <p>21 ZU Schwinger 07:29</p> <p>Das kann man tun, dass man eben versucht, nicht überall selber sich verantwortlich für zu fühlen. Und eben wenn es nicht gut gelaufen ist, auch gerne mal anderen die Schuld zu geben. Das ist total in Ordnung. Man darf es halt nicht übertreiben und sollte ein bisschen realistisch bleiben. Aber ansonsten ist darin erst einmal nichts Schlimmes.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Trotzdem: Rita hat für sich beschlossen, um rauszukommen aus der jahrelangen Selbstbehinderung, bleibt sie doppelt wachsam. Augen auf – bei sich und bei anderen. </p> <p> 22 ZU Rita (3.13) </p> <p>Seitdem ich das bei mir entdeckt habe, sehe ich einige, die das haben. Und manchmal geht dann der Schuss nach hinten los, weil es too much ist. Und (4.40) es kommt irgendwann der Moment, da merkt man, das tut einem nicht gut und man merkt, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht verfolgen kann.</p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Genau darum sollte es aber gehen: Eigene Wünsche erkennen.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Sich ausprobieren, ohne die Sicherheitsausrede schon parat zu haben, um was immer passiert anderen und sich selbst ein positives Bild zu garantieren.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Statt sich im Weg zu stehen, sich selbst zu behindert, auch mal aktiv den Kurs ändern, wenn der Pfad sich nicht mehr richtig anfühlt –</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Unterm Strich gilt schließlich: Nur wenn man alte Träume loslässt –</p> <p>SPRECHER </p> <p></p> <p>Können neue wachsen.</p> <br/>
Chapters (2)
Show Notes
Im Interview
- Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg
- Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP)
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<p>Die Angst davor in der Prüfung zu versagen, ist so groß, dass man sich zig Termine in den Kalender packt und keine Zeit mehr zum Lernen hat. Ein typischer Fall von Selbstsabotage. Was steckt dahinter - und wie kann man aufhören, sein größtes eigenes Hindernis zu sein? Von Susi Weichselbaumer</p><p><strong>Credits</strong><br/> Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer<br/> Regie: Susi Weichselbaumer<br/> Es sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter Weiß<br/> Redaktion: Susanne Poelchau</p> <p><strong>Im Interview:<br/></strong>Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg<br/>Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP)</p> <p><br/> <strong>Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:</strong></p> <p><strong>Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nützt<br/><a title="Hier geht es zum Podcast." href="https://www.ardaudiothek.de/episode/wie-wir-ticken-euer-psychologie-podcast/prokrastination-wann-aufschieben-schadet-und-wann-es-nuetzt/ard/94813846/">JETZT ENTDECKEN</a></strong></p> <p><strong>Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:</strong></p> <p><strong>Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast</strong><br/> Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.<br/> <a title="Hier geht es zum Podcast." href="https://1.ard.de/wie-wir-ticken"><strong>ZUM PODCAST</strong></a></p> <p>Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an <a href="mailto:radiowissen@br.de">radiowissen@br.de</a>.</p> <p>Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/> ARD Audiothek | Radiowissen<br/> <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/"><strong>JETZT ENTDECKEN</strong></a><strong></strong></p> <p>Das vollständige Manuskript gibt es <a title="Hier geht es zum Manuskript." href="https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/manuskript-radiowissen-selbstsabotage-selbstmanipulation-psychologie-prokrastination-100.html"><strong>HIER</strong></a>.</p> <p>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:<br/></p> <p>ZITATORIN</p> <p></p> <p>Am Abend vor der Klausur war die Geburtstagsparty meiner besten Freundin. </p> <p>ZITATOR</p> <p>Es war null Zeit, die Präsentation für die Führungskräfte vorzubereiten. Für auf den letzten Drücker lief es puh: Okay.</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Dieser Fahrprüfer lässt Frauen grundsätzlich durchfallen. Auch wenn ich dem protzigen SUV nicht die Vorfahrt genommen hätte… </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER</p> <p>Die Klausur gerade mal knapp bestanden? </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Der Job Großraumbüro statt Chefetage? </p> <p>SPRECHER</p> <p>Die Fahrerlaubnis nicht erteilt? Der Pfad zum Erfolg ist gepflastert mit Hindernissen. </p> <p>MUSIK </p> <p>ZITATOR</p> <p>Das Schicksal arbeitet gegen mich. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Heute ist nicht mein Tag.</p> <p>ZITATOR</p> <p>Die ganze Woche ist nicht meine Woche – </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Mein ganzes Leben ist nicht mein Leben.</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER</p> <p>Das Wetter, der öffentliche Nahverkehr, die grantige Nachbarin –</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Möglicherweise steht man sich aber auch selbst im Weg. Durch die Art und Weise wie man Dinge angeht oder versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Jedenfalls sicher gilt: Allein ist man als Sich-Selbst-Blockierender nicht. Die Ratgeberregale in den Buchhandlungen stehen voll mit Literatur zum Thema „Selbstsabotage“. In Social Media wird das Phänomen in diversen Facetten diskutiert. Das Internet bietet zig Fragebogen: </p> <p>ZITATOR</p> <p>Wann sabotierst Du Dich selbst?</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Warum sabotierst Du Dich? </p> <p>ZITATOR</p> <p>Weswegen solltest Du das lassen?</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Wie änderst Du Dich – und damit alles?</p> <p>MUSIK ENDE </p> <p>SPRECHER</p> <p>Das Problem ist bloß: Was in bunten Bänden und auf knalligen Lifestyle-Webseiten angeboten wird, fällt aus wissenschaftlicher Sicht größtenteils in die Kategorie „Küchenpsychologie“. Und: Der Begriff „Selbstsabotage“ für jedwedes, was man sich selbst so in die Bahn werfen oder als Ausrede anführen könnte? Wohl eher ein Modewort: </p> <p>1 ZU Goldmann 0.00</p> <p>Wenn ich jetzt an Sabotage denke, da denke ich an Gleise, an Züge, an jemand, der Kabel in Brand steckt. Es ist ein bewusster Akt. Sabotage ist auch in gewisser Weise, ein gewalttätiger Akt. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Erklärt Dr. Ulrich Goldmann. Er leitet den Bereich Psychotherapie am MUNIP, dem Münchner Universitären Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie. </p> <p>2 ZU Goldmann 0.00</p> <p>In der Psychologie wird mehr im Englischen der Begriff „Self-Handicapping“ hergenommen, also „Selbstbehinderung“ übersetzt. Das ist etwas milder. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Selbstbehinderung gilt nicht als klinische Diagnose, Krankheit oder Persönlichkeitsstörung. Die Wissenschaft sammelt unter dem Begriff eine ganze Reihe an Verhaltensmustern. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erfolgschancen bewusst oder unbewusst selbst vermindern. Generell. Oder lediglich in speziellen Zusammenhängen. Das Ziel dabei ist stets – und das klingt auf den ersten Blick paradox: Auf Biegen und Brechen den Selbstwert erhalten. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Sich keine Blöße geben, das Gesicht wahren – anderen und sich selbst gegenüber. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Die Gründe dafür und Strategien dabei faszinieren Forscher wie Malte Schwinger. Er ist Professor für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Studien zum Thema Selbstbehinderung gibt es inzwischen vor allem im Segment „Lernen und Ausbildung“. </p> <p>3 ZU Schwinger (0.09)</p> <p>Der Grundgedanke dahinter ist immer der, jemand hat Angst vor einer bestimmten Situation, einer bestimmten Bewertung. Das ist bei Studierenden, wo wir das viel untersuchen, häufig irgendeine Art Prüfung, eine Art Klausur. Und da ist die Sorge, dass das schiefgehen kann. Und wenn das schiefgeht, hat man Angst, dass das den Selbstwert bedrohen könnte, dass man sich danach als Person nicht gut fühlt als wertlos fühlt. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Die Lösung: </p> <p>SPRECHER</p> <p>Eine eventuelle negative Bewertung unbedingt ausschließen.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Und zwar schon im Vorfeld.</p> <p>4 ZU Schwinger (0.09)</p> <p>Wenn ich Angst habe, in der Klausur zu versagen, dann sollte ich mir irgendeine Ausrede zurechtlegen, die hinterher erklärt, warum ich nicht so gut war in der Klausur, das ist die Idee.</p> <p>MUSIK</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Das Radl hatte auf dem Weg einen Platten. </p> <p>ZITATOR</p> <p>Im Prüfungsraum war es wahnsinnig stickig. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Der Hund hat meine Vorbereitungsunterlagen gefressen.</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER </p> <p>Spannend dabei: Erklärungen dafür, warum es mit einer besseren Note in der Klausur nicht geklappt hat, suchen Selbst-Handicapper eher selten im Außen. </p> <p>Solche Rechtfertigungen gibt es schon auch. Aber: In der Regel sucht man die Erklärung bei sich: Darum wir ich nicht so toll. Oder konnte nicht so toll sein. Halskratzen und leichter Husten – plötzlich fühlt man sich damit richtig krank. Genauso erklärt man es den Studienkollegen. Der wesentliche Punkt bei alldem: Trotz schwerer Grippe tritt man zur Prüfung an. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Unter derlei Bedingungen muss man dann ja mehr als froh sein über ein gerade noch „bestanden“. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Es kann aber auch das ganz große Programm von „Ich-reite-mich-wo-richtig-rein“ sein, erzählt der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann aus dem Praxisalltag. </p> <p>5 ZU Goldmann 2.44</p> <p>Das sind so Situationen, die häufig genannt werden, wenn man zu spät ins Bett geht, viel Alkohol trinkt oder ausgeht und am nächsten Tag ausgesprochen müde ist, die Prüfung schreibt. Und wenn es dann schiefgeht, hat man eine fertige und stichhaltige Erklärung, warum es denn schiefgegangen ist und in der Psychologie, und da gibt es einige Experimente dazu, wird angenommen, dass das im Dienste dessen steht, dass es situativ, also auf die Situation bezogen, nicht geklappt hat, weil ich zu lange aus war. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHER</p> <p>Der Grund des Scheiterns ist so nicht ehrenrührig und kratzt am Selbstwert. Man ist nicht etwa zu wenig intelligent, fachlich nicht geeignet – Nein! Die Partyeinladung ging einfach vor. Ehrensache. Lange ausgemacht. Freundschaftsdienst. Man ist eben ein Hecht.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Allerdings ein ziemlicher „Kurzfrist-Hecht“. </p> <p>6 ZU Schwinger 2.06</p> <p>Ja, das ist der Haken da dran, man bleibt tatsächlich eigentlich eher unzufrieden. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bilanziert der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. Für den Moment nach der Klausur nimmt so eine Ausflucht – da war diese Party - womöglich den Druck aus der akuten Situation. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Auf lange Sicht ist nichts gewonnen in Sachen angeknackster Selbstwert. Denn: Das ist der wunde Punkt. Die verletzliche Stelle. </p> <p>7 ZU Schwinger 2.06</p> <p>Die Angst resultierte ja vorher schon aus einer Erwartung, dass man das nicht kann. Und die wird natürlich durch dieses Schauspiel, was man da abgezogen hat, nicht anders. Also man ist weiterhin der Meinung, dass man es nicht kann. Und es hat ja, auch wenn man eine Ausrede hatte, keinerlei gegenteiliger Beweis stattgefunden. Das heißt wenn die nächste Prüfung ansteht, geht eigentlich alles von vorne los. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Ein Kreislauf, der einen irgendwann gefangen nimmt und den man mitunter gar nicht als solchen begreift, erinnert sich Rita. Sie will anonym bleiben. Nach Coaching und Therapie ist Rita inzwischen überzeugt:</p> <p>8 ZU Rita 8.40 </p> <p>Es ist sicher gut sich zu überlegen, will ich das oder nicht. Oder was will ich überhaupt? So. </p> <p>Das führt ja auch zu mehr Zufriedenheit. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Jahrelang war für Rita klar: Im Beruf will sie sich keine Patzer leisten, sondern perfekt sein und auch so wahrgenommen werden von ihrem Kollegenkreis, dem Chef. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Um mögliche Fehler im Vorfeld abzupuffern, überfrachtet sie sich mit Projekten. Springt überall ein. Hebt die Hand. Und ist im Team bald abonniert auf Zusatzaufgaben. Ein Verhalten, das Psychotherapeut Goldmann von einigen Klienten kennt. </p> <p>9 ZU Goldmann 04:10</p> <p>Jemand muss einen Vortrag halten und auf PowerPoint etwas machen. Und es gibt eine neue Version, und man hat noch nicht Zeit gehabt aufgrund der vielen, vielen anderen Aufgaben, die man hat, sich in die neue einzuarbeiten, weil noch diese Besprechung gestern war und man noch in dem Projekt XY engagiert ist. Das wären auch selbstwertdienliche Aussagen. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Auf den ersten Blick positive selbstwertdienliche Aussagen: Man ist vielbeschäftigt, hält alle Bälle in der Luft, auch die der Kollegen, deren Aufgaben man netterweise mit wuppt. Allein holt man die Kohlen aus dem Feuer und macht das Beste daraus. Auch wenn das dann nicht perfekt ist: Unter den gegebenen Umständen ist man über sich selbst hinausgewachsen. Für alle.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Aber halt auch ohne alle. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>10 ZU Goldmann 04:10</p> <p>Wenn man sich überlegt, wie man sich dann präsentiert vor anderen, kann man sich auch vorstellen, auf die Dauer erzeugt das jetzt auch nicht unbedingt ein günstiges Bild von sich selbst.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Ein häufiges Beispiel: Man legt die Latte erst hoch und bekommt anschließend Bammel, den Mund zu voll genommen zu haben. </p> <p>ZITATOR</p> <p>Klar promoviere ich. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Klappt die Stelle in Frankreich nicht, wechsle ich die Firma.</p> <p>ZITATOR</p> <p>Diese Frau wird mich heiraten. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>11 ZU Goldmann 5.52</p> <p>Wenn ich so ein Ziel konkret gegenüber anderen kommuniziere, bin ich auch eine Art Selbstverpflichtung eingegangen. Dann kann ich ohne Gesichtsverlust oder ohne Erklärung nicht mehr hinter mein Vorhaben zurück. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Irgendwann erkennt das auch Rita: Sie kommt – aus ihrer damaligen Perspektive – beruflich nicht vom Fleck. Trotz ihres Engagements an allen Ecken und Enden und obschon das Familie und Freunde von ihr zu erwarten scheinen. Im Team hat sie keinen Rückhalt, dabei reibt sich sich auf, um es den Kollegen und dem Chef recht zu machen, zuvorkommend und perfekt zu sein. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Perfektion ist ihre Richtschnur. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Elternhaus und Schule wünschten sich das Vorzeigekind. In späteren Beziehungen müht sich Rita, eine Musterpartnerin zu sein: Um jeden Preis perfekte Harmonie, totale Symbiose. Bloß: </p> <p>12 ZU Rita 2:04 </p> <p>Auf längere Sicht sieht man auch, dass es sich nicht unbedingt auszahlt, also von wegen, dass man Respekt dadurch bekommt. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Rita fängt an, genauer hinzuschauen: Was tut sie wann, um was damit zu erreichen? Und was ist tatsächlich das Resultat? </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Für viele kann eine ehrliche Selbstbeobachtung ein guter erster Schritt sein weg von den gewohnten selbstbehindernden Verhaltensmustern, empfehlen Therapeuten. Eine Paradelösung dafür, sich von heute auf morgen mal endlich nicht mehr selbst im eigenen Lebensweg zu stehen, gibt es nicht. Manchmal genügen offene Gespräche im engen Familien- oder Freundeskreis: Warum komme ich nicht ans Ziel, was meint ihr? </p> <p>SPRECHER</p> <p>Oft braucht es professionelle Untersützung: Veränderungscoaching. Gesprächstherapie, bei der man aufschlüsselt: Woher kommt mein innerer Druck, die häufige Unzufriedenheit und das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, des Ausgeliefertseins? </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Hierin liegt eine Crux. Denn: In gewisser Weise handelt man ja aktiv. Sucht und konstruiert Ausflüchte, Erklärungen. Dennoch bleibt da der Eindruck von: Ich muss noch mehr tun, mehr vorbeugen, weitere Vorkehrungen schaffen – falls es schlecht ausgehen sollte. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Dabei gilt: Selbstschädigendes Verhalten kann durchaus auf einen Bereich im Leben beschränkt sein und zieht sich nicht durch wie ein roter Faden. Wer in Prüfungssituationen den eigenen Erfolg torpediert, macht das nicht unbedingt auch bei Rendezvous oder ersten Dates. Wer sich im Job immer auf Festanstellungen bewirbt, für die er nicht geeignet ist, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er viel lieber Freiheit lebt als Karriere zu machen – wie alle erwarten: Der weiß vielleicht beim Fußball sehr wohl, dass er linkes Mittelfeld spielen will und sonst nichts. </p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Nach dem Motto: Schöner Scheitern. In der Sicht von außen auf mich, aber auch in der Innenperspektive.</p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Die Innenperspektive austricksen und zugleich nach außen positiv wirken – nicht wenige versuchen das über die Taktik: Sich nie festlegen. Spannende Zukunftspläne oder Beziehungsabsichten werden durchaus angedeutet. Doch konsequent bleibt man im Ungefähren. Anderen gegenüber und sich selbst. </p> <p>13 ZU Goldmann 5.52</p> <p>Wenn ich den Schluss fest fasse, dann kann ich auch scheitern. Wenn ich ihn nicht fasse, dann kann ich ja immer sozusagen mich drum herummogeln ein Scheitern einzugestehen.</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Ein Scheitern weniger schmerzhaft machen. Den Gesichtsverlust weniger groß. Das sind oft genannte Gründe für Selbstbehinderung. Ein ebenfalls bekannter Faktor, der jedoch weit schwerer dingfest zu machen ist: Ambivalente Motivation. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Das heißt: Man möchte mehrere Dinge gleichzeitig erreichen, die sich aber gegenseitig ausschließen. Oder man meint, jenes eine zu wollen, weil man es seit jeher wollte. Oder weil einen andere an der Stelle, in der Rolle etc. sehen. Oder weil jede Logik diesen nächsten Schritt - nun ja - logisch macht. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Innendrin würde eine leise Stimme etwas anderes sagen. Doch die umher sind lauter, überzeugender.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Logischer. </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Jetzt hat er so lange studiert! </p> <p>ZITATOR</p> <p>Im Freundeskreis sind inzwischen alle verheiratet. Man muss auch erwachsen werden!</p> <p>ZITATORIN</p> <p>Nach all den Jahren in der Firma gehört sie doch mal ins Management!</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>14 ZU Goldmann 7.03</p> <p>Führungsposition. Naja, das bringt Verschiedenes mit sich. Ich muss mehr arbeiten. Ich werde mehr Verantwortung haben. Ich werde auch nicht umhinkommen, unangenehme Gespräche zu führen, Leute vielleicht mal einzugrenzen, schlimmstenfalls vielleicht mal sogar disziplinarische Maßnahmen oder Ähnliches auszusprechen. Und es gibt Leute, die einfach Scheu davor haben. Und wenn das nicht bis ins Detail bewusst durchdacht ist, dann können das gegenteilige Motivationen sein, die so ein angebliches Ziel immer wieder ausbremsen, sodass die Ambivalenz, die unter der Oberfläche da ist, eigentlich von der Verwirklichung eines Zieles dann uns immer wieder abbringen kann.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Eigene Ambivalenzen zu erkennen und zuzugeben – das kann ein schwieriger Prozess sein, weiß Psychotherapeut Ulrich Goldmann. Zunächst hilft eine persönliche Kosten-Nutzen-Aufstellung: Was gefällt mir an diesem Job, diesem Lebensziel, an dieser Beziehung? Was nicht? Was traue ich mir im Bezug darauf zu? Was weniger?</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Dafür muss man reichlich ehrlich mit sich sein.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Und: Überhaupt bemerkt haben, dass man in so einer Ambivalenz feststeckt. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Rita stellt irgendwann fest: Die Angst davor, nicht perfekt zu sein oder nicht als perfekt wahrgenommen zu werden, reibt sie auf. Es tut ihr nicht gut, sich mit Arbeit zu überhäufen, ständig Zusatzprojekte anzunehmen, nur um zum Chef sagen zu können: „Es war drumherum noch derart viel anderes– 1000-prozentig ist es jetzt nicht geworden, aber unter den Umständen…“</p> <p>SPRECHER</p> <p>Jedoch: Ihr fehlt die eigene Mitte, aus der sie für sich Selbstwert schöpfen könnte. Den sucht sie in der Bestätigung von außen. </p> <p>15 ZU Schwinger (4.44) </p> <p>Natürlich sind Personen, die etwas unsicherer sind, etwas neurotischer sind, etwas geringeren Selbstwert haben gefährdeter, sich auch in ihrem Selbstwert bedroht zu fühlen. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Bestätigt der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. </p> <p>16 ZU Schwinger (4.44) </p> <p>Und da reichen schon Kleinigkeiten in der Umwelt, die dann so ein Verhalten auslösen.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Rita erkennt: Sie ist oft so damit beschäftigt, vorzubeugen und abzupuffern, dass jemand sie oder sie selbst sich nicht als „perfekt“ empfinden könnte, dass sie gar nicht weiß, was dieses „perfekt“ im Grunde meint und wohin es führen soll. Für sie ganz persönlich.</p> <p>17 ZU Rita (9.36) </p> <p>Was will ich? Mensch, alle wissen, was sie wollen. Aber wie finde ich denn raus, was ich will? Was sind meine Wünsche, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Da habe ich gedacht, okay, wie möchte ich sein?</p> <p>SPRECHER</p> <p>Rita hilft es, regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Was hat heute gut geklappt, was fühlte sich komisch an? Im Coaching nimmt sie sich wöchentlich neue Aufgaben vor: Ich traue mich „Nein“ zu sagen zu Zusatzaufgaben, konzentriere mich auf meine Arbeit. In diesem Rahmen werden für sie auch Fehler besprechbar. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Und siehe da: Manches, was sie als Fehler fürchtet oder als „nicht perfekt“ wertet, beurteilen andere weit weniger drastisch. Das Coaching macht Perspektiven auf. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Aber Achtung: Das klingt nach simpler Lösung für ein auf den ersten Blick vielleicht eh eher merkwürdig daherkommendes Selbstsabotage-Programm. So einfach ist es nicht. </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Meist steckt da ein zäher und auch schmerzhafter Kampf dahinter. Ein dauernd wieder neues Austarieren des eigenen Selbstwerts. Den man – und das ist die Herausforderung – nicht aus sich selbst schöpft.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Sondern abhängig ist davon: Was schreiben andere mir zu?</p> <p>18 ZU Schwinger (6.21)</p> <p>Personen mit geringem Selbstwert, geringem Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, wählen dann meistens auch Aufgaben, die entweder sehr einfach sind, wo sie nicht scheitern können, oder Aufgaben, die viel zu schwer sind. Dann haben sie wieder einen Grund, warum sie gescheitert sind. Und diese Aufgaben, die eigentlich uns im Leben weiterbringen, die immer so einen Ticken schwerer sind, als dass wir glauben, das schaffen zu können, die uns dann eben zu unseren besten Leistungen anspornen, diese Aufgaben wählen solche Personen nicht.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Eine Entwicklung findet nicht statt. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Man bleibt in der Selbstbehinderungsspirale stecken. Ein weiterer typischer Mechanismus dabei: Chronische Aufschieberitis. Stets alles auf den letzten Drücker. Was immer unter solchen Umständen noch geschafft wird, muss als Erfolg verbucht werden, weil: Zumindest besser als nichts.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Der Fachbegriff für dieses ständige Hinausschieben ist Prokrastination. Und so Kavaliersdelikt-ig, wie es sich eben anhörte, ist das nicht unbedingt. Tatsächlich lassen solche Verhaltensweisen, sobald sie chronisch werden, Leben durchaus aus dem Ruder laufen. Das gilt für jegliche Art der Selbstbehinderung – wer sich über lange Zeit jeden Erfolg selbst verbaut, läuft etwa Gefahr in eine Depression zu geraten.</p> <p>19 ZU Goldmann (13:23)</p> <p>Natürlich kommen zu uns auch Leute, die schon länger Probleme mit der Zielverwirklichung haben. Und wenn mir das über Jahre nicht gelingt und da gibt es auch ein bisschen Forschung dazu, dann kann auch so etwas wie eine depressive Entwicklung stattfinden, weil es ist ja schließlich wirklich auch eine ganz wichtige Variable: Selbstwirksamkeit nennen wir die, dass wir etwas vorhaben, das versuchen zu gestalten. Und wenn das gelingt, dann ist es für unsere Psyche gut. Und wenn das permanent misslingt, dann ist es für unsere Psyche riskant. Und das wäre ein Faktor, der zur Entstehung von Depressionen beiträgt. </p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Deshalb rät der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann dazu, vorsichtig zu sein, mit schnellen Urteilen und Ratschlägen mal eben aus der Hüfte: </p> <p>ZITATOR</p> <p>Sei Dir nicht im Weg! </p> <p>ZITATORIN</p> <p>Trau Dich einfach!</p> <p>ZITATOR</p> <p>Fang halt früher mit dem Lernen an!</p> <p>MUSIK ENDE</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Gewohnte und für sich wenigstens phasenweise als hilfreich empfundene Strategien wirft niemand so schnell über Bord. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Vor allem dann nicht, wenn sie darauf abzielen, den Selbstwert positiv aufzuladen. </p> <p>20 ZU Goldmann (19:11)</p> <p>Manche sind auch so cool, dass sie mit ganz wenig Lernen nicht nur Vierer abstauben, sondern bessere Noten. Das habe ich mehrmals in der Praxis gehabt, dass dies in der Schule gut ging. Dann geht jemand in das Studium. Aber es geht im Studium überhaupt nicht mehr rundum, weil die Anforderungen wesentlich höher sind, wenn man sich für eine Prüfungsphase mit fünf Prüfungen am Ende des Semesters wirklich strukturiert vorbereiten muss und planen muss. Das geht dann nicht mehr mit aus dem Ärmel schütteln. Und dann wird es manchmal wirklich ziemlich eng.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Und frustrierend. Denn: Ausrede ist in dem neuen Umfeld nicht mehr. </p> <p>Ab da fordert das Leben ernsthafte Entscheidungen. </p> <p>SPRECHER</p> <p>Wobei das nicht bedeuten muss: Ab jetzt nur noch Selbstgeißelung, Selbstabrechnung, gnadenlose Analyse des eigenen Ichs. Der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger ist überzeugt: In Maßen betrieben darf man durchaus auch mal das Wetter, den Professor mit seinen unverständlichen Fragen, die Welt oder das Universum an sich dafür verantwortlich machen, dass es die Klausur verhagelt hat. In der Psychologie spricht man von Self Serving Bias, auf Deutsch: Selbstwertdienliche Verzerrung. </p> <p>21 ZU Schwinger 07:29</p> <p>Das kann man tun, dass man eben versucht, nicht überall selber sich verantwortlich für zu fühlen. Und eben wenn es nicht gut gelaufen ist, auch gerne mal anderen die Schuld zu geben. Das ist total in Ordnung. Man darf es halt nicht übertreiben und sollte ein bisschen realistisch bleiben. Aber ansonsten ist darin erst einmal nichts Schlimmes.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Trotzdem: Rita hat für sich beschlossen, um rauszukommen aus der jahrelangen Selbstbehinderung, bleibt sie doppelt wachsam. Augen auf – bei sich und bei anderen. </p> <p> 22 ZU Rita (3.13) </p> <p>Seitdem ich das bei mir entdeckt habe, sehe ich einige, die das haben. Und manchmal geht dann der Schuss nach hinten los, weil es too much ist. Und (4.40) es kommt irgendwann der Moment, da merkt man, das tut einem nicht gut und man merkt, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht verfolgen kann.</p> <p>MUSIK</p> <p>SPRECHER</p> <p>Genau darum sollte es aber gehen: Eigene Wünsche erkennen.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Sich ausprobieren, ohne die Sicherheitsausrede schon parat zu haben, um was immer passiert anderen und sich selbst ein positives Bild zu garantieren.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Statt sich im Weg zu stehen, sich selbst zu behindert, auch mal aktiv den Kurs ändern, wenn der Pfad sich nicht mehr richtig anfühlt –</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Unterm Strich gilt schließlich: Nur wenn man alte Träume loslässt –</p> <p>SPRECHER </p> <p></p> <p>Können neue wachsen.</p> <br/>