Pierre Bourdieu Denker der feinen Unterschiede
Radiowissen
Autor/in dieser Folge
Produktion
- Regie: Christiane Klenz
- Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki, Andreas Dirscherl
- Technik: Roland Böhm
- Redaktion: Nicole Ruchlak
Manuskript und weitere Informationen
Weitere Podcast-Empfehlungen
- Das Kalenderblatt – Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum.
- Radiowissen in der ARD Audiothek
Social Media
- Instagram: frauen_geschichte – Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben.
Ausschnitt aus dem Manuskript
Eine Abendgesellschaft irgendwo in France. Zahlreiche Gäste sind geladen. Sie nehmen Platz an einem großen Tisch. Gleich wird das Essen serviert. Schon an wenigen Details kann man erkennen, wer hier diniert.
Sitzen die Paare nebeneinander? Dann gehören die Gastgeber vermutlich der unteren Schicht oder dem Kleinbürgertum an. Sitzen die Paare getrennt voneinander, gehören sie zur Oberschicht, zur Bourgeoisie.
Auch die Speiseordnung kann die soziale Herkunft verraten.
Suppe, Kartoffeln, Fleisch – bei Angehörigen ärmerer Schichten kommen die vollen Töpfe und Pfannen mit auf den Tisch. Aufgetragen wird reichlich und mit großen Schöpfkellen. Die Reihenfolge der Speisen ist zwanglos, Zwänge gibt es im Alltag schließlich schon genug. Deshalb räumt die Frau zwischendurch auch ein paar Teller beiseite und holt schon mal die Torte, während andere noch essen.
Bei den Wohlhabenden hingegen hält man sich zurück. Erst wenn ein Gang vollständig abgeräumt ist – inklusive Salzstreuer –, wird das Dessert aufgetragen. Gegessen wird erst, wenn alle einen Nachtisch haben. Sich nicht zurück zu halten, wäre respektlos gegenüber den Gastgebern.
Und wer sich immer noch nicht sicher ist, wer hier feiert, sollte auf Speisen und Getränke selbst achten.
Gemüse, Fisch, Wasser, Wein – auf den Tisch der Oberschicht kommen leichte und exquisite Speisen. Schlank ist schließlich schick.
Bei ärmeren Leuten hingegen gibt es kalorienreiches Essen: Fettes Fleisch, salzige Beilagen, Bier, Limo, Schnaps. Gefragt ist hier, was satt macht. Ab Montag wird wieder schwer geschuftet.
Zurückhaltende Askese hier, zwanglose Völlerei dort. Diese Analyse der Tischsitten stammt von dem Soziologen Bourdieu. Sein 1979 in Frankreich erschienenes Buch La distinction, zu deutsch: Die feinen Unterschiede, machte ihn über Nacht berühmt, auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt. Bourdieu zeigt darin, wie kulturelle Praktiken, ästhetische und kulinarische Vorlieben sich je nach sozialer Herkunft unterscheiden.
Wobei die Tischsitten nur ein kleines Detail sind aus der Fülle des empirischen Materials, das er über Jahre hinweg gesammelt hat. Stunden habe er damit zugebracht, Gesprächen zuzuhören, schreibt Bourdieu in seinem Buch Ein soziologischer Selbstversuch.
Gelauscht hat er in Cafés, beim Boule, beim Fußball, auf Postämtern. Aber auch bei Abendgesellschaften, Cocktailpartys und auf Konzerten. Manchmal habe er unter einem Vorwand ein Gespräch angefangen, nur um mehr über Herkunft und Beruf seines Gegenübers zu erfahren.
Das ist das Besondere bei ihm, seine gesamte Theorie ist empirisch gewonnen.
Der Soziologe Franz Schultheis. Er ist Professor an der Universität St. Gallen und hat viele Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet.
Bourdieus Beobachtungen stammen aus den 1960er und -70er Jahren. Deshalb ist die Analyse des Festessens auch mit Vorsicht zu genießen. Denn ob es bei französischen Abendgesellschaften auch heute noch so zugeht, oder ob die Unterschiede inzwischen mehr Klischee als Realität sind – Bourdieu wäre wohl der erste, der eine neuerliche Analyse anmahnen würde.
Aber ganz allgemein lässt sich seine These in Die feinen Unterschiede so zusammenfassen:
Was ich esse, wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, wie ich wohne, was ich schön finde – all das zeigt, welcher sozialen Gruppe ich angehöre. Bourdieu nennt das den Habitus eines Menschen. Er verbindet ihn mit Anderen, die einen ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft haben.
Gleichzeitig ist das, was in einer sozialen Gruppe als guter oder schlechter Geschmack gilt, nicht für alle Zeiten festgelegt. Was en vogue ist, resultiert aus Klassenkonflikten, die immer wieder neu ausgetragen werden. Es ist ein ständiger Kampf, ein ständiges „Spiel", wie Bourdieu es nennt, um Anerkennung und Macht.
Soziale Hierarchien sind Bourdieus Lebensthema. Wie unterscheiden sich die Schichten voneinander? Was trägt das Bildungswesen zu diesen Unterschieden bei? Warum geben manche Intellektuelle den Ton an? Wie kommt es zur männlichen Herrschaft? Das sind einige der Themen seiner Feldforschung.
Und immer schwingt in seinen Analysen auch eine gewisse Kritik mit an den herrschenden Gruppen, den Eliten.
Geboren ist Pierre-Félix Bourdieu 1930 in einem kleinen Dorf am Fuße der Pyrenees. Sein Vater Albert war erst Kleinbauer und später Postbeamter. Seine Mutter Noémie war ebenfalls bäuerlicher Herkunft.
Vor allem sein Vater habe ihn geprägt, schreibt Bourdieu. Albert war Mitglied einer Gewerkschaft und habe weit links gewählt, was in der konservativ-ländlichen Welt immer wieder zu Problemen führte. Er habe seinen Vater nie glücklicher erlebt, als in Momenten, in denen er Bedürftigen helfen konnte.
Anweisungen, Witwenrenten, Schuldverschreibungen – in blindem Vertrauen überließen die Leute dem Postbeamten Albert ihre wichtigsten Angelegenheiten, der immer verantwortungsvoll damit umging. Diese Haltung seines Vaters habe ihn früh gelehrt, die sogenannten „kleinen Leuten" zu achten, so Bourdieu rückblickend.
Nach der Grundschule kommt er ins Internat nach Pau, um dort aufs Gymnasium zu gehen. Später besucht er noch ein Gymnasium in Paris. Damals etwas Besonderes für einen Jungen aus der Provinz.
Gleichzeitig hat er aber auch die Schattenseiten kennen gelernt als Außenseiter in diesen Gymnasien, wo er war. Die Anderen waren bürgerlicher Herkunft und er kam eher aus der Unterschicht, und dadurch hat er ein ambivalentes Verhältnis entwickelt.
Raufereien, Fausthiebe, Hoffnungslosigkeit – die Jahre im Internat in Pau seien fürchterlich gewesen, schreibt Bourdieu. Als Musterschüler sei er immer schnell Zielscheibe von Aggressionen gewesen. Um nicht vollends ausgeschlossen zu werden, habe er angefangen, mit den anderen Jungs Rugby zu spielen. Es seien diese permanenten Auseinandersetzungen gewesen, die ihn dazu gebracht haben, die soziale Welt als andauernden Kampf zu betrachten. Aber trotz dieser negativen Erfahrungen an der höheren Schule war er dem Bildungssystem insgesamt gegenüber wohlgesonnen.
Er wurde von diesem Bildungssystem quasi entdeckt und über verschiedene Stufen bis an eine Eliteuniversität befördert. Und dadurch hatte er eigentlich gegenüber diesem Bildungssystem immer auch eine sehr positive Einstellung. Es hat ihn errettet, aus dieser Marginalität.
Von der französischen Provinz nach Paris. Als Sohn einfacher Leute auf die besten Gymnasien des Landes. Bourdieu ist ein Außenseiter in mehrfacher Hinsicht. Aber erst später habe er die Besonderheiten seines eigenen Habitus erkannt, schreibt er. Tonfall, Stimme, Gesichtsausdruck – als Junge vom Land habe er sich in vielem von den hochgeborenen Parisern mit ihrer kühlen Selbstsicherheit unterschieden. Vielleicht sei er deshalb so oft als aufmüpfig wahrgenommen worden.
Ab 1951 studiert Bourdieu Philosophie an der Pariser École Normale Supérieure, der Kaderschmiede der französischen Intellektuellen, die auch berühmte Denker wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Émil Durkheim besucht haben. Anfangs ist er beeindruckt von der akademischen Welt mit ihren Diskursen und illustren Zirkeln. Seine Dissertation will er – wie damals üblich für einen Philosophie-Studenten – über ein abstraktes Thema schreiben. Aber es kommt anders.
In Algeria brechen zu dieser Zeit bewaffnete Konflikte aus. Das nordafrikanische Land stand damals unter französischer Kolonialherrschaft und kämpfte für seine Unabhängigkeit. Das französische Militär schlägt die Aufstände blutig nieder. Bourdieu, obwohl erklärter Gegner des Krieges, muss ab 1955 seinen Wehrdienst dort leisten.
In Algerien trifft er auf eine Situation, die ihn wachrüttelt, wo er sagt; Ich kann unter diesen Bedingungen, diesem Kolonialkrieg, dem Elend, was er da zu sehen bekam, nicht einfach weiter Philosophie betreiben. Ich muss mich dieser Lage annehmen, kritisch annehmen. Und er schreibt ein Buch Sociologie d Algerie, Soziologie Algeriens, und mit diesem Buch, so sagte er, wollte ich daheim den Franzosen überhaupt mal deutlich machen, was Algerien bedeutet. Denn in Frankreich kennt man Algerien gar nicht. Ich will auch vermitteln, dass auch die Algerier eine eigene Kultur haben, was eigentlich von den Kolonialherren immer verneint wird.
Raw Description
<p>Italiener oder Imbiss. Puccini oder Punkrock. Die Herkunft prägt den Geschmack ein Leben lang. Davon ist der Franzose Pierre Bourdieu überzeugt. Wer ist der Mann, der die Soziologie als Kampfsport bezeichnet? Autorin: Maike Brzoska (BR 2020)</p><p>Autor/in dieser Folge: Maike Brzoska</p> <p>Regie: Christiane Klenz</p> <p>Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki, Andreas Dirscherl</p> <p>Technik: Roland Böhm</p> <p>Redaktion: Nicole Ruchlak</p> <p>Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.<br/> <a title="Das Kalenderblatt Podcast" href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/das-kalenderblatt/5949906/"><strong>DAS KALENDERBLATT</strong></a><strong> </strong></p> <p><strong><br/></strong></p> <p>Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. <a title="Bayern 2 FrauenGeschichte Instagram" href="https://www.instagram.com/frauen_geschichte/"><strong>EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte</strong></a></p> <p><strong><br/></strong></p> <p>Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/>ARD Audiothek | Radiowissen<br/><a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/"><strong>JETZT ENTDECKEN</strong></a><strong></strong></p> <p>Das vollständige Manuskript gibt es <a title="Hier geht es zum Manuskript." href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/manuskripte/index.html"><strong>HIER</strong></a>.</p> <p>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Eine Abendgesellschaft irgendwo in Frankreich. Zahlreiche Gäste sind geladen.</p> <p>Sie nehmen Platz an einem großen Tisch. Gleich wird das Essen serviert. Schon</p> <p>an wenigen Details kann man erkennen, wer hier diniert.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Sitzen die Paare nebeneinander? Dann gehören die Gastgeber vermutlich der</p> <p>unteren Schicht oder dem Kleinbürgertum an. Sitzen die Paare getrennt</p> <p>voneinander, gehören sie zur Oberschicht, zur Bourgeoisie.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Auch die Speiseordnung kann die soziale Herkunft verraten.</p> <p>MUSIK 2</p> <p>SPRECHER</p> <p>Suppe, Kartoffeln, Fleisch – bei Angehörigen ärmerer Schichten kommen die</p> <p>vollen Töpfe und Pfannen mit auf den Tisch. Aufgetragen wird reichlich und mit</p> <p>großen Schöpfkellen. Die Reihenfolge der Speisen ist zwanglos, Zwänge gibt es</p> <p>im Alltag schließlich schon genug. Deshalb räumt die Frau zwischendurch auch</p> <p>ein paar Teller beiseite und holt schon mal die Torte, während andere noch essen.</p> <p>MUSIK 3 </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bei den Wohlhabenden hingegen hält man sich zurück. Erst wenn ein Gang</p> <p>vollständig abgeräumt ist – inklusive Salzstreuer –, wird das Dessert aufgetragen.</p> <p>Gegessen wird erst, wenn alle einen Nachtisch haben. Sich nicht zurück zu halten,</p> <p>wäre respektlos gegenüber den Gastgebern.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Und wer sich immer noch nicht sicher ist, wer hier feiert, sollte auf Speisen und</p> <p>Getränke selbst achten.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Gemüse, Fisch, Wasser, Wein – auf den Tisch der Oberschicht kommen leichte</p> <p>und exquisite Speisen. Schlank ist schließlich schick.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Bei ärmeren Leuten hingegen gibt es kalorienreiches Essen: Fettes Fleisch,</p> <p>salzige Beilagen, Bier, Limo, Schnaps. Gefragt ist hier, was satt macht. Ab Montag</p> <p>wird wieder schwer geschuftet.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Zurückhaltende Askese hier, zwanglose Völlerei dort. Diese Analyse der</p> <p>Tischsitten stammt von dem Soziologen Pierre Bourdieu. Sein 1979 in Frankreich</p> <p>erschienenes Buch La distinction, zu deutsch: Die feinen Unterschiede, machte</p> <p>ihn über Nacht berühmt, auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt. Bourdieu</p> <p>zeigt darin, wie kulturelle Praktiken, ästhetische und kulinarische Vorlieben sich je</p> <p>nach sozialer Herkunft unterscheiden.</p> <p>MUSIK 4 </p> <p>SPRECHER</p> <p>Wobei die Tischsitten nur ein kleines Detail sind aus der Fülle des empirischen</p> <p>Materials, das er über Jahre hinweg gesammelt hat. Stunden habe er damit</p> <p>zugebracht, Gesprächen zuzuhören, schreibt Bourdieu in seinem Buch Ein</p> <p>soziologischer Selbstversuch.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Gelauscht hat er in Cafés, beim Boule, beim Fußball, auf Postämtern. Aber auch</p> <p>bei Abendgesellschaften, Cocktailpartys und auf Konzerten. Manchmal habe er</p> <p>unter einem Vorwand ein Gespräch angefangen, nur um mehr über Herkunft und</p> <p>Beruf seines Gegenübers zu erfahren.</p> <p>01 O-TON (Schultheis)</p> <p>Das ist das Besondere bei ihm, seine gesamte Theorie ist empirisch gewonnen.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Der Soziologe Franz Schultheis. Er ist Professor an der Universität St. Gallen und</p> <p>hat viele Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bourdieus Beobachtungen stammen aus den 1960er und -70er Jahren. Deshalb</p> <p>ist die Analyse des Festessens auch mit Vorsicht zu genießen. Denn ob es bei</p> <p>französischen Abendgesellschaften auch heute noch so zugeht, oder ob die</p> <p>Unterschiede inzwischen mehr Klischee als Realität sind – Bourdieu wäre wohl</p> <p>der erste, der eine neuerliche Analyse anmahnen würde.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Aber ganz allgemein lässt sich seine These in Die feinen Unterschiede so</p> <p>zusammenfassen:</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Was ich esse, wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, wie ich wohne, was ich</p> <p>schön finde – all das zeigt, welcher sozialen Gruppe ich angehöre. Bourdieu nennt</p> <p>das den Habitus eines Menschen. Er verbindet ihn mit Anderen, die einen</p> <p>ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft haben.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Gleichzeitig ist das, was in einer sozialen Gruppe als guter oder schlechter</p> <p>Geschmack gilt, nicht für alle Zeiten festgelegt. Was en vogue ist, resultiert aus</p> <p>Klassenkonflikten, die immer wieder neu ausgetragen werden. Es ist ein ständiger</p> <p>Kampf, ein ständiges „Spiel“, wie Bourdieu es nennt, um Anerkennung und Macht.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Soziale Hierarchien sind Bourdieus Lebensthema. Wie unterscheiden sich die</p> <p>Schichten voneinander? Was trägt das Bildungswesen zu diesen Unterschieden</p> <p>bei? Warum geben manche Intellektuelle den Ton an? Wie kommt es zur</p> <p>männlichen Herrschaft? Das sind einige der Themen seiner Feldforschung.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Und immer schwingt in seinen Analysen auch eine gewisse Kritik mit an den</p> <p>herrschenden Gruppen, den Eliten.</p> <p>MUSIK 5</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Geboren ist Pierre-Félix Bourdieu 1930 in einem kleinen Dorf am Fuße der</p> <p>Pyrenäen. Sein Vater Albert war erst Kleinbauer und später Postbeamter. Seine</p> <p>Mutter Noémie war ebenfalls bäuerlicher Herkunft.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Vor allem sein Vater habe ihn geprägt, schreibt Bourdieu. Albert war Mitglied einer</p> <p>Gewerkschaft und habe weit links gewählt, was in der konservativ-ländlichen Welt</p> <p>immer wieder zu Problemen führte. Er habe seinen Vater nie glücklicher erlebt, als</p> <p>in Momenten, in denen er Bedürftigen helfen konnte.</p> <p>Anweisungen, Witwenrenten, Schuldverschreibungen – in blindem Vertrauen</p> <p>überließen die Leute dem Postbeamten Albert ihre wichtigsten Angelegenheiten,</p> <p>der immer verantwortungsvoll damit umging. Diese Haltung seines Vaters habe</p> <p>ihn früh gelehrt, die sogenannten „kleinen Leuten“ zu achten, so Bourdieu</p> <p>rückblickend.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Nach der Grundschule kommt er ins Internat nach Pau, um dort aufs Gymnasium</p> <p>zu gehen. Später besucht er noch ein Gymnasium in Paris. Damals etwas</p> <p>Besonderes für einen Jungen aus der Provinz.</p> <p>03 O-TON (Schultheis)</p> <p>Gleichzeitig hat er aber auch die Schattenseiten kennen gelernt als Außenseiter in</p> <p>diesen Gymnasien, wo er war. Die Anderen waren bürgerlicher Herkunft und er</p> <p>kam eher aus der Unterschicht, und dadurch hat er ein ambivalentes Verhältnis</p> <p>entwickelt.</p> <p>MUSIK 6</p> <p>SPRECHER</p> <p>Raufereien, Fausthiebe, Hoffnungslosigkeit – die Jahre im Internat in Pau seien</p> <p>fürchterlich gewesen, schreibt Bourdieu. Als Musterschüler sei er immer schnell</p> <p>Zielscheibe von Aggressionen gewesen. Um nicht vollends ausgeschlossen zu</p> <p>werden, habe er angefangen, mit den anderen Jungs Rugby zu spielen. Es seien</p> <p>diese permanenten Auseinandersetzungen gewesen, die ihn dazu gebracht</p> <p>haben, die soziale Welt als andauernden Kampf zu betrachten. Aber trotz dieser</p> <p>negativen Erfahrungen an der höheren Schule war er dem Bildungssystem</p> <p>insgesamt gegenüber wohlgesonnen.</p> <p>04 O-TON (Schultheis)</p> <p>Er wurde von diesem Bildungssystem quasi entdeckt und über verschiedene</p> <p>Stufen bis an eine Eliteuniversität befördert. Und dadurch hatte er eigentlich</p> <p>gegenüber diesem Bildungssystem immer auch eine sehr positive Einstellung. Es</p> <p>hat ihn errettet, aus dieser Marginalität.</p> <p>MUSIK 7</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Von der französischen Provinz nach Paris. Als Sohn einfacher Leute auf</p> <p>die besten Gymnasien des Landes. Bourdieu ist ein Außenseiter in mehrfacher</p> <p>Hinsicht. Aber erst später habe er die Besonderheiten seines eigenen Habitus</p> <p>erkannt, schreibt er. Tonfall, Stimme, Gesichtsausdruck – als Junge vom Land</p> <p>habe er sich in vielem von den hochgeborenen Parisern mit ihrer kühlen</p> <p>Selbstsicherheit unterschieden. Vielleicht sei er deshalb so oft als aufmüpfig</p> <p>wahrgenommen worden.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Ab 1951 studiert Bourdieu Philosophie an der Pariser École Normale Supérieure,</p> <p>der Kaderschmiede der französischen Intellektuellen, die auch berühmte Denker</p> <p>wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Émil Durkheim besucht haben.</p> <p>Anfangs ist er beeindruckt von der akademischen Welt mit ihren Diskursen und</p> <p>illustren Zirkeln. Seine Dissertation will er – wie damals üblich für einen</p> <p>Philosophie-Studenten – über ein abstraktes Thema schreiben. Aber es kommt</p> <p>anders.</p> <p>MUSIK 8</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>In Algerien brechen zu dieser Zeit bewaffnete Konflikte aus. Das nordafrikanische</p> <p>Land stand damals unter französischer Kolonialherrschaft und kämpfte für seine</p> <p>Unabhängigkeit. Das französische Militär schlägt die Aufstände blutig nieder.</p> <p>Bourdieu, obwohl erklärter Gegner des Krieges, muss ab 1955 seinen Wehrdienst</p> <p>dort leisten.</p> <p>05 O-TON (Schultheis)</p> <p>In Algerien trifft er auf eine Situation, die ihn wachrüttelt, wo er sagt; Ich kann unter</p> <p>diesen Bedingungen, diesem Kolonialkrieg, dem Elend, was er da zu sehen</p> <p>bekam, nicht einfach weiter Philosophie betreiben. Ich muss mich dieser Lage</p> <p>annehmen, kritisch annehmen. Und er schreibt ein Buch Sociologie d Algerie,</p> <p>Soziologie Algeriens, und mit diesem Buch, so sagte er, wollte ich daheim den</p> <p>Franzosen überhaupt mal deutlich machen, was Algerien bedeutet. Denn in</p> <p>Frankreich kennt man Algerien gar nicht. Ich will auch vermitteln, dass auch die</p> <p>Algerier eine eigene Kultur haben, was eigentlich von den Kolonialherren immer</p> <p>verneint wird</p>
Show Notes
Autor/in dieser Folge
Produktion
- Regie: Christiane Klenz
- Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki, Andreas Dirscherl
- Technik: Roland Böhm
- Redaktion: Nicole Ruchlak
Manuskript und weitere Informationen
Weitere Podcast-Empfehlungen
- Das Kalenderblatt – Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum.
- Radiowissen in der ARD Audiothek
Social Media
- Instagram: frauen_geschichte – Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben.
Ausschnitt aus dem Manuskript
Eine Abendgesellschaft irgendwo in France. Zahlreiche Gäste sind geladen. Sie nehmen Platz an einem großen Tisch. Gleich wird das Essen serviert. Schon an wenigen Details kann man erkennen, wer hier diniert.
Sitzen die Paare nebeneinander? Dann gehören die Gastgeber vermutlich der unteren Schicht oder dem Kleinbürgertum an. Sitzen die Paare getrennt voneinander, gehören sie zur Oberschicht, zur Bourgeoisie.
Auch die Speiseordnung kann die soziale Herkunft verraten.
Suppe, Kartoffeln, Fleisch – bei Angehörigen ärmerer Schichten kommen die vollen Töpfe und Pfannen mit auf den Tisch. Aufgetragen wird reichlich und mit großen Schöpfkellen. Die Reihenfolge der Speisen ist zwanglos, Zwänge gibt es im Alltag schließlich schon genug. Deshalb räumt die Frau zwischendurch auch ein paar Teller beiseite und holt schon mal die Torte, während andere noch essen.
Bei den Wohlhabenden hingegen hält man sich zurück. Erst wenn ein Gang vollständig abgeräumt ist – inklusive Salzstreuer –, wird das Dessert aufgetragen. Gegessen wird erst, wenn alle einen Nachtisch haben. Sich nicht zurück zu halten, wäre respektlos gegenüber den Gastgebern.
Und wer sich immer noch nicht sicher ist, wer hier feiert, sollte auf Speisen und Getränke selbst achten.
Gemüse, Fisch, Wasser, Wein – auf den Tisch der Oberschicht kommen leichte und exquisite Speisen. Schlank ist schließlich schick.
Bei ärmeren Leuten hingegen gibt es kalorienreiches Essen: Fettes Fleisch, salzige Beilagen, Bier, Limo, Schnaps. Gefragt ist hier, was satt macht. Ab Montag wird wieder schwer geschuftet.
Zurückhaltende Askese hier, zwanglose Völlerei dort. Diese Analyse der Tischsitten stammt von dem Soziologen Bourdieu. Sein 1979 in Frankreich erschienenes Buch La distinction, zu deutsch: Die feinen Unterschiede, machte ihn über Nacht berühmt, auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt. Bourdieu zeigt darin, wie kulturelle Praktiken, ästhetische und kulinarische Vorlieben sich je nach sozialer Herkunft unterscheiden.
Wobei die Tischsitten nur ein kleines Detail sind aus der Fülle des empirischen Materials, das er über Jahre hinweg gesammelt hat. Stunden habe er damit zugebracht, Gesprächen zuzuhören, schreibt Bourdieu in seinem Buch Ein soziologischer Selbstversuch.
Gelauscht hat er in Cafés, beim Boule, beim Fußball, auf Postämtern. Aber auch bei Abendgesellschaften, Cocktailpartys und auf Konzerten. Manchmal habe er unter einem Vorwand ein Gespräch angefangen, nur um mehr über Herkunft und Beruf seines Gegenübers zu erfahren.
Das ist das Besondere bei ihm, seine gesamte Theorie ist empirisch gewonnen.
Der Soziologe Franz Schultheis. Er ist Professor an der Universität St. Gallen und hat viele Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet.
Bourdieus Beobachtungen stammen aus den 1960er und -70er Jahren. Deshalb ist die Analyse des Festessens auch mit Vorsicht zu genießen. Denn ob es bei französischen Abendgesellschaften auch heute noch so zugeht, oder ob die Unterschiede inzwischen mehr Klischee als Realität sind – Bourdieu wäre wohl der erste, der eine neuerliche Analyse anmahnen würde.
Aber ganz allgemein lässt sich seine These in Die feinen Unterschiede so zusammenfassen:
Was ich esse, wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, wie ich wohne, was ich schön finde – all das zeigt, welcher sozialen Gruppe ich angehöre. Bourdieu nennt das den Habitus eines Menschen. Er verbindet ihn mit Anderen, die einen ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft haben.
Gleichzeitig ist das, was in einer sozialen Gruppe als guter oder schlechter Geschmack gilt, nicht für alle Zeiten festgelegt. Was en vogue ist, resultiert aus Klassenkonflikten, die immer wieder neu ausgetragen werden. Es ist ein ständiger Kampf, ein ständiges „Spiel", wie Bourdieu es nennt, um Anerkennung und Macht.
Soziale Hierarchien sind Bourdieus Lebensthema. Wie unterscheiden sich die Schichten voneinander? Was trägt das Bildungswesen zu diesen Unterschieden bei? Warum geben manche Intellektuelle den Ton an? Wie kommt es zur männlichen Herrschaft? Das sind einige der Themen seiner Feldforschung.
Und immer schwingt in seinen Analysen auch eine gewisse Kritik mit an den herrschenden Gruppen, den Eliten.
Geboren ist Pierre-Félix Bourdieu 1930 in einem kleinen Dorf am Fuße der Pyrenees. Sein Vater Albert war erst Kleinbauer und später Postbeamter. Seine Mutter Noémie war ebenfalls bäuerlicher Herkunft.
Vor allem sein Vater habe ihn geprägt, schreibt Bourdieu. Albert war Mitglied einer Gewerkschaft und habe weit links gewählt, was in der konservativ-ländlichen Welt immer wieder zu Problemen führte. Er habe seinen Vater nie glücklicher erlebt, als in Momenten, in denen er Bedürftigen helfen konnte.
Anweisungen, Witwenrenten, Schuldverschreibungen – in blindem Vertrauen überließen die Leute dem Postbeamten Albert ihre wichtigsten Angelegenheiten, der immer verantwortungsvoll damit umging. Diese Haltung seines Vaters habe ihn früh gelehrt, die sogenannten „kleinen Leuten" zu achten, so Bourdieu rückblickend.
Nach der Grundschule kommt er ins Internat nach Pau, um dort aufs Gymnasium zu gehen. Später besucht er noch ein Gymnasium in Paris. Damals etwas Besonderes für einen Jungen aus der Provinz.
Gleichzeitig hat er aber auch die Schattenseiten kennen gelernt als Außenseiter in diesen Gymnasien, wo er war. Die Anderen waren bürgerlicher Herkunft und er kam eher aus der Unterschicht, und dadurch hat er ein ambivalentes Verhältnis entwickelt.
Raufereien, Fausthiebe, Hoffnungslosigkeit – die Jahre im Internat in Pau seien fürchterlich gewesen, schreibt Bourdieu. Als Musterschüler sei er immer schnell Zielscheibe von Aggressionen gewesen. Um nicht vollends ausgeschlossen zu werden, habe er angefangen, mit den anderen Jungs Rugby zu spielen. Es seien diese permanenten Auseinandersetzungen gewesen, die ihn dazu gebracht haben, die soziale Welt als andauernden Kampf zu betrachten. Aber trotz dieser negativen Erfahrungen an der höheren Schule war er dem Bildungssystem insgesamt gegenüber wohlgesonnen.
Er wurde von diesem Bildungssystem quasi entdeckt und über verschiedene Stufen bis an eine Eliteuniversität befördert. Und dadurch hatte er eigentlich gegenüber diesem Bildungssystem immer auch eine sehr positive Einstellung. Es hat ihn errettet, aus dieser Marginalität.
Von der französischen Provinz nach Paris. Als Sohn einfacher Leute auf die besten Gymnasien des Landes. Bourdieu ist ein Außenseiter in mehrfacher Hinsicht. Aber erst später habe er die Besonderheiten seines eigenen Habitus erkannt, schreibt er. Tonfall, Stimme, Gesichtsausdruck – als Junge vom Land habe er sich in vielem von den hochgeborenen Parisern mit ihrer kühlen Selbstsicherheit unterschieden. Vielleicht sei er deshalb so oft als aufmüpfig wahrgenommen worden.
Ab 1951 studiert Bourdieu Philosophie an der Pariser École Normale Supérieure, der Kaderschmiede der französischen Intellektuellen, die auch berühmte Denker wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Émil Durkheim besucht haben. Anfangs ist er beeindruckt von der akademischen Welt mit ihren Diskursen und illustren Zirkeln. Seine Dissertation will er – wie damals üblich für einen Philosophie-Studenten – über ein abstraktes Thema schreiben. Aber es kommt anders.
In Algeria brechen zu dieser Zeit bewaffnete Konflikte aus. Das nordafrikanische Land stand damals unter französischer Kolonialherrschaft und kämpfte für seine Unabhängigkeit. Das französische Militär schlägt die Aufstände blutig nieder. Bourdieu, obwohl erklärter Gegner des Krieges, muss ab 1955 seinen Wehrdienst dort leisten.
In Algerien trifft er auf eine Situation, die ihn wachrüttelt, wo er sagt; Ich kann unter diesen Bedingungen, diesem Kolonialkrieg, dem Elend, was er da zu sehen bekam, nicht einfach weiter Philosophie betreiben. Ich muss mich dieser Lage annehmen, kritisch annehmen. Und er schreibt ein Buch Sociologie d Algerie, Soziologie Algeriens, und mit diesem Buch, so sagte er, wollte ich daheim den Franzosen überhaupt mal deutlich machen, was Algerien bedeutet. Denn in Frankreich kennt man Algerien gar nicht. Ich will auch vermitteln, dass auch die Algerier eine eigene Kultur haben, was eigentlich von den Kolonialherren immer verneint wird.
Raw Description
<p>Italiener oder Imbiss. Puccini oder Punkrock. Die Herkunft prägt den Geschmack ein Leben lang. Davon ist der Franzose Pierre Bourdieu überzeugt. Wer ist der Mann, der die Soziologie als Kampfsport bezeichnet? Autorin: Maike Brzoska (BR 2020)</p><p>Autor/in dieser Folge: Maike Brzoska</p> <p>Regie: Christiane Klenz</p> <p>Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki, Andreas Dirscherl</p> <p>Technik: Roland Böhm</p> <p>Redaktion: Nicole Ruchlak</p> <p>Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.<br/> <a title="Das Kalenderblatt Podcast" href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/das-kalenderblatt/5949906/"><strong>DAS KALENDERBLATT</strong></a><strong> </strong></p> <p><strong><br/></strong></p> <p>Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. <a title="Bayern 2 FrauenGeschichte Instagram" href="https://www.instagram.com/frauen_geschichte/"><strong>EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte</strong></a></p> <p><strong><br/></strong></p> <p>Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:<br/>ARD Audiothek | Radiowissen<br/><a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/radiowissen/5945518/"><strong>JETZT ENTDECKEN</strong></a><strong></strong></p> <p>Das vollständige Manuskript gibt es <a title="Hier geht es zum Manuskript." href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/manuskripte/index.html"><strong>HIER</strong></a>.</p> <p>Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Eine Abendgesellschaft irgendwo in Frankreich. Zahlreiche Gäste sind geladen.</p> <p>Sie nehmen Platz an einem großen Tisch. Gleich wird das Essen serviert. Schon</p> <p>an wenigen Details kann man erkennen, wer hier diniert.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Sitzen die Paare nebeneinander? Dann gehören die Gastgeber vermutlich der</p> <p>unteren Schicht oder dem Kleinbürgertum an. Sitzen die Paare getrennt</p> <p>voneinander, gehören sie zur Oberschicht, zur Bourgeoisie.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Auch die Speiseordnung kann die soziale Herkunft verraten.</p> <p>MUSIK 2</p> <p>SPRECHER</p> <p>Suppe, Kartoffeln, Fleisch – bei Angehörigen ärmerer Schichten kommen die</p> <p>vollen Töpfe und Pfannen mit auf den Tisch. Aufgetragen wird reichlich und mit</p> <p>großen Schöpfkellen. Die Reihenfolge der Speisen ist zwanglos, Zwänge gibt es</p> <p>im Alltag schließlich schon genug. Deshalb räumt die Frau zwischendurch auch</p> <p>ein paar Teller beiseite und holt schon mal die Torte, während andere noch essen.</p> <p>MUSIK 3 </p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bei den Wohlhabenden hingegen hält man sich zurück. Erst wenn ein Gang</p> <p>vollständig abgeräumt ist – inklusive Salzstreuer –, wird das Dessert aufgetragen.</p> <p>Gegessen wird erst, wenn alle einen Nachtisch haben. Sich nicht zurück zu halten,</p> <p>wäre respektlos gegenüber den Gastgebern.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Und wer sich immer noch nicht sicher ist, wer hier feiert, sollte auf Speisen und</p> <p>Getränke selbst achten.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Gemüse, Fisch, Wasser, Wein – auf den Tisch der Oberschicht kommen leichte</p> <p>und exquisite Speisen. Schlank ist schließlich schick.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Bei ärmeren Leuten hingegen gibt es kalorienreiches Essen: Fettes Fleisch,</p> <p>salzige Beilagen, Bier, Limo, Schnaps. Gefragt ist hier, was satt macht. Ab Montag</p> <p>wird wieder schwer geschuftet.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Zurückhaltende Askese hier, zwanglose Völlerei dort. Diese Analyse der</p> <p>Tischsitten stammt von dem Soziologen Pierre Bourdieu. Sein 1979 in Frankreich</p> <p>erschienenes Buch La distinction, zu deutsch: Die feinen Unterschiede, machte</p> <p>ihn über Nacht berühmt, auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt. Bourdieu</p> <p>zeigt darin, wie kulturelle Praktiken, ästhetische und kulinarische Vorlieben sich je</p> <p>nach sozialer Herkunft unterscheiden.</p> <p>MUSIK 4 </p> <p>SPRECHER</p> <p>Wobei die Tischsitten nur ein kleines Detail sind aus der Fülle des empirischen</p> <p>Materials, das er über Jahre hinweg gesammelt hat. Stunden habe er damit</p> <p>zugebracht, Gesprächen zuzuhören, schreibt Bourdieu in seinem Buch Ein</p> <p>soziologischer Selbstversuch.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Gelauscht hat er in Cafés, beim Boule, beim Fußball, auf Postämtern. Aber auch</p> <p>bei Abendgesellschaften, Cocktailpartys und auf Konzerten. Manchmal habe er</p> <p>unter einem Vorwand ein Gespräch angefangen, nur um mehr über Herkunft und</p> <p>Beruf seines Gegenübers zu erfahren.</p> <p>01 O-TON (Schultheis)</p> <p>Das ist das Besondere bei ihm, seine gesamte Theorie ist empirisch gewonnen.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Der Soziologe Franz Schultheis. Er ist Professor an der Universität St. Gallen und</p> <p>hat viele Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Bourdieus Beobachtungen stammen aus den 1960er und -70er Jahren. Deshalb</p> <p>ist die Analyse des Festessens auch mit Vorsicht zu genießen. Denn ob es bei</p> <p>französischen Abendgesellschaften auch heute noch so zugeht, oder ob die</p> <p>Unterschiede inzwischen mehr Klischee als Realität sind – Bourdieu wäre wohl</p> <p>der erste, der eine neuerliche Analyse anmahnen würde.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Aber ganz allgemein lässt sich seine These in Die feinen Unterschiede so</p> <p>zusammenfassen:</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Was ich esse, wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, wie ich wohne, was ich</p> <p>schön finde – all das zeigt, welcher sozialen Gruppe ich angehöre. Bourdieu nennt</p> <p>das den Habitus eines Menschen. Er verbindet ihn mit Anderen, die einen</p> <p>ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft haben.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Gleichzeitig ist das, was in einer sozialen Gruppe als guter oder schlechter</p> <p>Geschmack gilt, nicht für alle Zeiten festgelegt. Was en vogue ist, resultiert aus</p> <p>Klassenkonflikten, die immer wieder neu ausgetragen werden. Es ist ein ständiger</p> <p>Kampf, ein ständiges „Spiel“, wie Bourdieu es nennt, um Anerkennung und Macht.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Soziale Hierarchien sind Bourdieus Lebensthema. Wie unterscheiden sich die</p> <p>Schichten voneinander? Was trägt das Bildungswesen zu diesen Unterschieden</p> <p>bei? Warum geben manche Intellektuelle den Ton an? Wie kommt es zur</p> <p>männlichen Herrschaft? Das sind einige der Themen seiner Feldforschung.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Und immer schwingt in seinen Analysen auch eine gewisse Kritik mit an den</p> <p>herrschenden Gruppen, den Eliten.</p> <p>MUSIK 5</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Geboren ist Pierre-Félix Bourdieu 1930 in einem kleinen Dorf am Fuße der</p> <p>Pyrenäen. Sein Vater Albert war erst Kleinbauer und später Postbeamter. Seine</p> <p>Mutter Noémie war ebenfalls bäuerlicher Herkunft.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Vor allem sein Vater habe ihn geprägt, schreibt Bourdieu. Albert war Mitglied einer</p> <p>Gewerkschaft und habe weit links gewählt, was in der konservativ-ländlichen Welt</p> <p>immer wieder zu Problemen führte. Er habe seinen Vater nie glücklicher erlebt, als</p> <p>in Momenten, in denen er Bedürftigen helfen konnte.</p> <p>Anweisungen, Witwenrenten, Schuldverschreibungen – in blindem Vertrauen</p> <p>überließen die Leute dem Postbeamten Albert ihre wichtigsten Angelegenheiten,</p> <p>der immer verantwortungsvoll damit umging. Diese Haltung seines Vaters habe</p> <p>ihn früh gelehrt, die sogenannten „kleinen Leuten“ zu achten, so Bourdieu</p> <p>rückblickend.</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Nach der Grundschule kommt er ins Internat nach Pau, um dort aufs Gymnasium</p> <p>zu gehen. Später besucht er noch ein Gymnasium in Paris. Damals etwas</p> <p>Besonderes für einen Jungen aus der Provinz.</p> <p>03 O-TON (Schultheis)</p> <p>Gleichzeitig hat er aber auch die Schattenseiten kennen gelernt als Außenseiter in</p> <p>diesen Gymnasien, wo er war. Die Anderen waren bürgerlicher Herkunft und er</p> <p>kam eher aus der Unterschicht, und dadurch hat er ein ambivalentes Verhältnis</p> <p>entwickelt.</p> <p>MUSIK 6</p> <p>SPRECHER</p> <p>Raufereien, Fausthiebe, Hoffnungslosigkeit – die Jahre im Internat in Pau seien</p> <p>fürchterlich gewesen, schreibt Bourdieu. Als Musterschüler sei er immer schnell</p> <p>Zielscheibe von Aggressionen gewesen. Um nicht vollends ausgeschlossen zu</p> <p>werden, habe er angefangen, mit den anderen Jungs Rugby zu spielen. Es seien</p> <p>diese permanenten Auseinandersetzungen gewesen, die ihn dazu gebracht</p> <p>haben, die soziale Welt als andauernden Kampf zu betrachten. Aber trotz dieser</p> <p>negativen Erfahrungen an der höheren Schule war er dem Bildungssystem</p> <p>insgesamt gegenüber wohlgesonnen.</p> <p>04 O-TON (Schultheis)</p> <p>Er wurde von diesem Bildungssystem quasi entdeckt und über verschiedene</p> <p>Stufen bis an eine Eliteuniversität befördert. Und dadurch hatte er eigentlich</p> <p>gegenüber diesem Bildungssystem immer auch eine sehr positive Einstellung. Es</p> <p>hat ihn errettet, aus dieser Marginalität.</p> <p>MUSIK 7</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>Von der französischen Provinz nach Paris. Als Sohn einfacher Leute auf</p> <p>die besten Gymnasien des Landes. Bourdieu ist ein Außenseiter in mehrfacher</p> <p>Hinsicht. Aber erst später habe er die Besonderheiten seines eigenen Habitus</p> <p>erkannt, schreibt er. Tonfall, Stimme, Gesichtsausdruck – als Junge vom Land</p> <p>habe er sich in vielem von den hochgeborenen Parisern mit ihrer kühlen</p> <p>Selbstsicherheit unterschieden. Vielleicht sei er deshalb so oft als aufmüpfig</p> <p>wahrgenommen worden.</p> <p>SPRECHER</p> <p>Ab 1951 studiert Bourdieu Philosophie an der Pariser École Normale Supérieure,</p> <p>der Kaderschmiede der französischen Intellektuellen, die auch berühmte Denker</p> <p>wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Émil Durkheim besucht haben.</p> <p>Anfangs ist er beeindruckt von der akademischen Welt mit ihren Diskursen und</p> <p>illustren Zirkeln. Seine Dissertation will er – wie damals üblich für einen</p> <p>Philosophie-Studenten – über ein abstraktes Thema schreiben. Aber es kommt</p> <p>anders.</p> <p>MUSIK 8</p> <p>SPRECHERIN</p> <p>In Algerien brechen zu dieser Zeit bewaffnete Konflikte aus. Das nordafrikanische</p> <p>Land stand damals unter französischer Kolonialherrschaft und kämpfte für seine</p> <p>Unabhängigkeit. Das französische Militär schlägt die Aufstände blutig nieder.</p> <p>Bourdieu, obwohl erklärter Gegner des Krieges, muss ab 1955 seinen Wehrdienst</p> <p>dort leisten.</p> <p>05 O-TON (Schultheis)</p> <p>In Algerien trifft er auf eine Situation, die ihn wachrüttelt, wo er sagt; Ich kann unter</p> <p>diesen Bedingungen, diesem Kolonialkrieg, dem Elend, was er da zu sehen</p> <p>bekam, nicht einfach weiter Philosophie betreiben. Ich muss mich dieser Lage</p> <p>annehmen, kritisch annehmen. Und er schreibt ein Buch Sociologie d Algerie,</p> <p>Soziologie Algeriens, und mit diesem Buch, so sagte er, wollte ich daheim den</p> <p>Franzosen überhaupt mal deutlich machen, was Algerien bedeutet. Denn in</p> <p>Frankreich kennt man Algerien gar nicht. Ich will auch vermitteln, dass auch die</p> <p>Algerier eine eigene Kultur haben, was eigentlich von den Kolonialherren immer</p> <p>verneint wird</p>