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Alles Geschichte - Der History-Podcast

Die Macht der Syphilis

Alles Geschichte - Der History-Podcast

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Credits

Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks 2025


Besonderer Linktipp der Redaktion

SWR (2025): Der Schrei – Der rätselhafte Fall Rafael Blumenstock

Seit 35 Jahren lässt eine Geschichte die Menschen in Ulm nicht los: Der Fall Rafael Blumenstock. Im November 1990 findet man den 28-Jährigen tot auf dem Münsterplatz - nur wenige Schritte vom Polizeipräsidium entfernt. Nur eine einzige Zeugin will seine Schreie gehört haben. Rafael fällt auf: Er spaziert mit Lippenstift und Handtasche durch die Stadt und tritt in langen Kleidern auf der Bühne auf. Wurde Rafael Blumenstock Opfer, weil ihn Ulm als anders wahrgenommen hat?


Linktipps

  • tagesschau (2024): Mehr Sex, mehr Syphilis, mehr Scham

    Syphilis ist seit Jahren auf dem Vormarsch. Obwohl die gefährliche Krankheit leicht behandelbar ist, scheuen Betroffene teils den Arztbesuch: Sie schämen sich zu sehr. In dieser Folge von 11KM: der tagesschau-podcast geht Datenjournalistin Claudia Kohler auf die Suche nach den Ursachen. Warum nehmen Geschlechtskrankheiten zu und was macht den Kampf dagegen so schwierig?

  • Bayern 2 (2023): Aus Versehen genial - Wie der Zufall zu neuen Entdeckungen führte

    Penicillin, Röntgenstrahlen oder auch die Pockenimpfung - viele Meilensteine der Medizin verdanken wir dem Zufall. Aber auch alltägliche Dinge wie Tesafilm, die Mikrowelle oder das Eis am Stiel waren eigentlich so nie geplant. Wie kam es zu diesen Entdeckungen? Und was begünstigt Zufallsfunde?


Besondere Tipps für Geschichts-Interessierte

  • DAS KALENDERBLATT

    erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend.

  • RADIOWISSEN

    Noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt.


Kontakt

Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

Alles Geschichte gibt es auch in der ARD Audiothek.


Auszug aus dem Manuskript

SPRECHER

Es ist ein Brandbrief, den ein Sekretär im Jahr 1503 an Kaiser Maximilian I schickt: Soldaten sind Opfer einer bösartigen, unbekannten Seuche geworden.

ZITATOR

„Die einen waren vom Scheitel bis zu den Knien mit einer zusammenhängenden, fürchterlichen schwarzen Art von Krätze überzogen, und dadurch so abschreckend, dass sie, von allem Kameraden verlassen, sich in der Einsamkeit den Tod wünschten; die anderen hatten diese Krätze an einzelnen Stellen, aber härter als Baumrinde, am Vorder- und Hinterkopfe, an der Stirne, dem Halse, der Brust, dem Gesäße und zerrissen sich dieselben vor heftigem Schmerze mit Nägeln. Die übrigen starrten an allen Körperteilen von einer solchen Menge von Warzen und Pusteln, dass ihre Zahl nicht zu bestimmen war."

SPRECHER

Die Syphilis war in Europe angekommen – eine tückische Krankheit, die in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten von Italy bis Estonia, von Russia bis nach Portugal ziehen sollte.

Doch wo kam sie her – diese rätselhafte, extrem ansteckende Seuche? War sie ein Souvenir, das Christoph Kolumbus von seiner ersten Expedition nach South America nach Europa einschleppte? Lange galt das als unstrittig und auch heute sind viele Wissenschaftler davon überzeugt.

Kolumbus landete im Mai 1493 in Barcelona. Dort wurden bald infizierte Seeleute bei einem Arzt vorstellig, der notierte: Die neue Krankheit stamme von der Caribbean-Insel Hispaniola, wo die Mannschaft des Entdeckers mit Eingeborenen in Berührung gekommen sei. Deutlicher wurde seinerzeit ein spanischer Geschichtsschreiber: „Die Krankheit", so hielt es Gonzalo Fernández de Oviedo fest, „wird am leichtesten durch Geschlechtsverkehr übertragen, wie man es oft beobachtet hat ... Von den Spaniern, die mit den indianischen Weibern verkehrten, entgingen nur wenige der Ansteckung." Von den Häfen Spain sei die Krankheit dann nach Italy und in andere Länder gelangt.

Doch: War es wirklich so einfach? Stimmte das so plausible wie willkommene Erklärungsmuster, nach dem die Syphilis gleichsam eine gerechte Antwort darstellte auf die mörderischen Krankheitserreger, die die Europäer nach Amerika einschleppten und durch die Völker sogar ausgelöscht worden waren? Zweifel an der These, dass Kolumbus die Syphilis aus Amerika nach Europa brachte, säten unlängst nicht nur Funde aus Lower Austria: Archäologen gruben 2019 in Sankt Pölten das Skelett eines Kindes aus, das für Syphilis typische Zahnmissbildungen aufwies. Die Forscher datierten den Todeszeitpunkt auf mindestens 50 Jahre vor Kolumbus`Reisen. Auch Paläogenetiker der Universität Zürich fanden Hinweise darauf, dass die Syphilis bereits vor Christoph Kolumbus in Europa grassiert haben könnte. Prof. Verena Schünemann „Wir haben im Moment Genome, die aus dieser Zeit kommen." SPRECHER …sagt die Züricher Forscherin Verena Schünemann, die DNA-Proben alter Knochen aus Finland, Estonia und den Netherlands auf Syphilis-Erreger hin untersucht hat. O-TON Schünemann „Das heißt, man kann sagen: Ja, sie kommen aus dem 15. Jahrhundert! Aber ob sie davor oder danach sind – das ist bei diesen Proben ein bisschen schwierig. SPRECHER Sie habe – das räumt die Professorin für evolutionäre Medizin ein - nicht mehr in der Hand als eine Indizienkette, die sich indes nach und nach verdichte. Da sind zum einen die Berechnungen der Forscher, nach denen sich der Vorgänger aller modernen Syphilis-Formen vor mindestens 2500 Jahren entwickelt haben muss - und womöglich seinen Ursprung in Europa hatte. Und da ist der Fakt, dass es schon zum Ende des 15. Jahrhunderts eine große Vielfalt von Unterarten des Erregers Treponema pallidum in Europa gab – was gegen die bisherige Annahme steht, erst Kolumbus und seine Mannschaft hätten die Syphilis neu eingeschleppt.